Besser König im Dorf als Knecht im Schloß?    18-11-2008
Immer wieder wird aus einem Land plötzlich eine Tennisnation. Hingis und Federer schafften dies in der Schweiz, Clijsters und Henin in Belgien, Djokovic, Ivanovic und Jankovic in Serbien. Wie sieht es aber in den Ländern aus, die noch auf ihren persönlichen Boris Becker warten?
Besser König im Dorf als Knecht im Schloss
Alle Jahre wieder kommen plötzlich kleine Länder in den Fokus der Tenniswelt. Oft reichen ein, zwei Athleten um eine ganze Nation in den Ausnahmezustand zu versetzen. Man denke nur an das dynamische Duo als Belgien, Justine Henin und Kim Clijsters, beide wurden Nummer Eins der Welt und brachten ihr Land ins internationale Bewusstsein. Derzeit hoch im Kurs steht Serbien mit Novak Djokovic, Jelena Jankovic und Ana Ivanovic. Zwei Nummer Eins-Spielerinnen und eine eventuelle Nummer Eins der Herren. Soweit so gut. Wie sieht es aber in anderen Ländern aus? Länder ohne große Tennistradition, in denen man mit Leistungen die Nummer Eins ist, mit der man in Spanien oder Frankreich nicht mal zu den besten zehn oder 20 der Welt zählen würde. Wer hat da das Sagen:
Ernests Gulbis, Nummer Eins von Lettland
Lettland rückte erst vor kurzem überhaupt ins Bewusstsein der Tennisöffentlichkeit. Grund hierfür ist ein hochbegabter junger Mann aus gutem Hause, Ernests Gulbis. Der zeitweise von Niki Pilic trainierte 20jährige sorgte in der vergangenen Saison für Aufsehen als er, unter anderem aufgrund des Achtelfinals bei den US Open in die Top 50 der Welt vordrang – und das noch als Teenager. Mittlerweile ist er schon ein bekannter Name auf der Tour und wird, wenngleich er zurzeit etwas stagniert, von vielen Experten als einer der künftigen Spitzenspieler angesehen. Und wie schnell das gehen kann, hat Juan Martin Del Potro ja unlängst eindrucksvoll bewiesen.
Luis Horna, Nummer Eins von Peru
Bei dem kleinen Land in den Anden Südamerikas denkt man primär an Panflötenklänge und weniger an Tennis. Wen wundert’s? „El Condor Pasa“ ist noch immer ein Welthit während Alex Olmedos Welterfolg, Wimbledontitel 1959, nun schon ein halbes Jahrhundert zurückliegt. Seither gab es tennistechnisch wenig zu melden bei den Nachfahren der Inkas: Die Arrayas und Jaime Yzaga sorgten ab und zu für Aufhorchen aber mehr auch nicht. Ähnliches gilt für die unumstrittene Nummer Eins dieser Tage: Luis Horna ist nun seit zehn Jahren auf der Tour. Zwei kleine Sandplatzturniere in Südamerika konnte er bislang gewinnen. Bei den Grand Slams kam er indes nie über die dritte Runde hinaus. Besser lief es dieses Jahr im Doppel, da konnte er nämlich an der Seite von Pablo Cuevas die French Open gewinnen.
Im Davis Cup ist er wie so viele Top 100-Stars aus tennistechnischen Entwicklungsländern eine Bank – von 32 Einzelpartien gewann er 26, eine Siegquote von 81 Prozent.
Lamine Ouahab, Nummer Eins von Algerien
Algerien? Noch weit weniger als Peru eine Nation, die an Profitennis denken lässt. Doch tatsächlich gibt es auch in Algerien einen Spieler, der sich zumindest auf der kleinen Tour, dem Challenger-Circuit einen Namen gemacht hat: Lamine Ouahab. Seit 2000, damals grade einmal 15 Jahre alt, ist er auf Futures zu finden. Als er 2004 eine Wildcard für die Olympischen Spiele in Athen bekam wurde er Profi und von Tommy Robredo gleich geschlagen. Sein bestes Jahr hatte der Lockenkopf aus Algier 2006. Damals gewann er in Tunis und Montauban zwei Challengertitel und kletterte im August bis auf Rang 166 in der Welt. Nach einem schwachen Jahr 2007, wo er bis auf 335 abstürzte hat Ouahab diese Saison wieder den Sprung unter die besten 200 der Welt geschafft. Im Vergleich nordafrikanischer Tennisprofis steht er gar auf Position Eins.
Marsel Ilhan, Nummer Eins der Türkei
Tennis in der Türkei gibt es eigentlich nur Freizeitgestaltungsprogramm in den Touristenhochburgen. Wenn wundert’s? Erfolgreiche Spieler, Stars gar, hat das Land an der Schnittstelle zwischen Europa und Asien in anderen Sportarten hervorgebracht. Im Tennis herrscht tote Hose. Oder doch nicht? Da gibt es zumindest einen jungen Mann, der vielleicht mal aufhorchen lassen wird. Marsel Ilhan, ein hoch gewachsener 21jähriger aus Samarkand hat es vor ein paar Monaten immerhin schon mal unter die besten 200 geschafft. Seit zwei Jahren auf der Tour hat er schon mehr erreicht als die restlichen türkischen Profis zusammen. Wenngleich das nicht schwer ist. Wer weiß, vielleicht lässt Ilhan 2009 auch mal auf der ATP-Tour aufhorchen.
Sebastian
Gewande (Bild : Peta)
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