Tennisbaron Gottfried v. Cramm - Teil 4: Der Vorbestrafte    19-10-2009
Gottfried von Cramm ist ein wichtiger Teil deutscher Tennisgeschichte. Große Erfolge, legendäre Niederlagen und tragische Wendungen zeichneten seinen Lebensweg. Was von Cramm als Spieler, Funktionär und einzigartiger Repräsentant seines Sports leistete, sollte auch hundert Jahre nach der Geburts des Tennisbarons nicht in Vergessenheit geraten.
Internationale Sportstars fordern Freilassung
Das Urteil lautete auf ein Jahr Gefängnis ohne Bewährung. Allerdings hatte sich der Prozess als propagandistischer Fehlschlag für die Führung des Regimes erwiesen. Und auch im Ausland stieß die Verhaftung von Cramms auf heftige Proteste. So forderten Sportgrößen aus dem Ausland in einem Brief, der an die offiziellen Stellen der NS-Regierung ging, die sofortige Freilassung des Tennisbarons. Neben Donald Budge unterschrieb unter anderem auch Baseball-Legende Joe DiMaggio für von Cramm.
Frühzeitige Entlassung
Am energischsten setzte sich jedoch Gottfried von Cramms Mutter für ihn ein. Nachdem die ausländische Presse zuvor bereits berichtet hatte, dass von Cramm in der Haft einen schweren Nervenzusammenbruch erlitten hatte und eine Zeitung sogar behauptet hatte, das deutsche Tennisass wäre im Gefängnis verstorben, kam von Cramm nach sieben Monaten im Oktober 1938 wieder frei. Offiziell geschah dies wegen guter Führung. Tatsächlich hatte von Cramm seine frühzeitige Entlassung wohl dem Einsatz seiner Mutter zu verdanken, die vermerkte: „Vorsprache bei Göring. Versprach zum Schluss für milde Bestrafung zu sorgen und nach verbüßter Strafe sich hinter G. zu stellen.“
Comeback ohne Happy End
Damit waren natürlich nicht sämtliche Probleme von Cramms gelöst. Als Vorbestrafter hatte er beispielsweise künftig Schwierigkeiten ein Visa für Turnierreisen zu bekommen. Trotzdem meldete der Deutsche nach der Teilnahme an einigen gut besetzten Turnieren in Ägypten1939 für das Turnier im Londoner Queens Club. Erst nach einer Abstimmung erhielt er das Startrecht. Äußerst souverän holte sich von Cramm den Turniersieg und galt, nachdem Perry und Budge inzwischen ins Profilager gewechselt waren, als Topfavorit auf den Wimbledontitel. Doch es kam anders: Kurz vor Turnierbeginn schrieb die New York Times, dass von Cramm seine Meldung für Wimbledon nicht abgegeben habe, obwohl er nach eigener Aussage den Offiziellen des All England Lawn Tennis and Croquet Club willkommen gewesen wäre. Das lässt vermuten, dass die bei offiziellen Turnieren notwendige Anmeldung durch den nationalen Verband nicht getätigt wurde.
Unter andere Umständen...
Wer Jahrzehnte später von Boris Becker als ersten deutschen Wimbledon-Einzelgewinner spricht, sollte nicht vergessen: Unter anderen politischen Umständen hätte Gottfried von Cramm mit großer Wahrscheinlichkeit diesen Titel bereits 1939 und auch in den folgenden Jahren gewonnen. Dazu kam es nicht. Bobby Riggs, den von Cramm im Finale von Queens mit 6:0 6:1 bezwang, wurde 1939 Wimbledon-Sieger. Dann brach der Zweite Weltkrieg aus.
Das Ende des Krieges
Im Mai 1940 erhält Gottfried von Cramm auf Schloss Bodenburg, dem neuen Wohnsitz seiner Mutter, den Einberufungsbescheid. Anfang des Jahres 1942 wird von Cramm an die Ostfront geschickt. Er überlebt und wird kurz darauf als „Vorbestrafter, der kein vorgesetzter Offizier werden kann“ aus der Wehrmacht entlassen. Bis zum Kriegsende nutzte von Cramm seine guten Kontakte zu König Gustav V. und reiste immer wieder nach Schweden. Zudem darf angenommen werden, dass von Cramm sich im Hintergrund für den deutschen Widerstand einsetzte. Das Ende des Krieges sowie die ersten Nachkriegsjahre erlebte von Cramm in Bodenburg. Seine Tenniskarriere ist zu diesem noch lange nicht beendet. Und seine wohl größten Verdienste für den deutschen Tennissport wird er erst noch leisten.
Daniel
Reviol (Bild : Flickr.com)
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