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Detail - Zurück in der Gegenwart (589 mal gelesen)
  Willkommen zuhause    28-02-2010
Willkommen zuhause Jahr : 1986

Eine Karriere voller Hindernisse
Martina Navratilova hat eine Karriere hinter sich wie nur wenige. Kaum eine Spielerin musste so viele Hindernisse überwinden, bis sie schließlich ganz oben angekommen war. Die Flucht aus der CSSR und die Eingliederung in eine völlig andere Kultur, die Anfeindungen wegen ihrer Sexualität, Gewichtsprobleme und mehr. Die meisten Menschen wären daran wohl zerbrochen. Martina Navratilova wuchs am Gegenwind und revolutionierte den Sport.

Bei all den Titeln die sie gewonnen hat, bei all den vielen Rekorden, ein ganz besonderes Ereignis war jedoch der Federation Cup 1986. Es war im Juli, Navratilova hatte es grade Björn Borg gleichgetan und Wimbledon zum fünften Mal in Folge gewonnen – mit dem Unterschied, dass sie im Gegensatz zum Schweden vorher schon zwei Titel besaß und noch zwei weitere holen sollte.

Der Federation Cup, seit vielen Jahren heißt er nur noch Fed Cup, wurde damals noch binnen einer Woche an einem Ort ausgetragen. Und hier kommt die Crux: Der Ort hieß Prag. Die goldene Stadt, Hauptstadt des Landes, das sie elf Jahre zuvor verlassen hatte und nie mehr betreten sollte.

Die verlorene Tochter kehrt zurück
Navratilova wird die Reise in die alte Heimat mit gemischten Gefühlen angetreten haben. Sie hat nie einen Hehl daraus gemacht, wie sehr sie den amerikanischen Lebensstil mag, die Freiheit, die Demokratie, den Wohlstand. Aber da waren auch ihre Eltern und ihre Schwester, die sie seit sechs Jahren nicht gesehen hatte.

Wie würden die Leute reagieren? Navratilova war seit ihrer Flucht aus dem kommunistischen Staat eine persona non grata. Ihr Name war aus den staatlich gesteuerten Medien verschwunden was zu sonderbaren Formulierungen in den Sportseiten führte, wenn über ein Match von Helena Sukova oder Hana Mandlikova geschrieben wurde ohne dass die Gegnerin erwähnt wurde.

Aber dank der Empfangbarkeit von deutschem Fernsehen war Martina Navratilova den tschechischen Tennisfans weiter ein Begriff: Und sie trugen ihr nichts nach. Schon bei ihrer Ankunft am Flughafen drängten sich die Massen: „Willkommen zuhause!“, „Du bist eine von uns“.

Das antizipierte Finale trifft ein
Das Turnier selbst erwies sich als voller Erfolg für die amerikanische Mannschaft. An der Seite von Chris Evert, Pam Shriver und Zina Garrison fegte Navratilova nur so durch die Runden. Durch den Ausfall von Steffi Graf, der ein Sonnenschirm auf den Zeh gefallen war, war Westdeutschland im Halbfinale geschwächt und die USA standen nach einem weiteren 3:0 im Endspiel. Gegner dort: Die CSSR.

Ausgerechnet die CSSR, das Team mit dem Navratilova 1975 kurz vor ihrer Flucht den Federation Cup gewann, nun als Gegner. Traum oder Alptraum? Das kommt sicherlich auf den Standpunkt an. Die Sportobersten des Landes hatten sich sicherlich anderes erhofft, hatten sie doch schon das ursprüngliche Turnierprogramm aus dem Verkehr gezogen da es Fotos der Unberührbaren enthielt.

Für die Zuschauer war es hingegen ein Traum. Hana Mandlikova, hinsichtlich Genie und Wahnsinn das weibliche Pendant zu John McEnroe und die Nummer Eins der Gastgeber, tat das ihrige um das Stadion in einen Hexenkessel zu verwandeln. Sie hatte Anweisung erhalten, Navratilova nicht namentlich zu erwähnen. Aber Mandlikova wäre nicht Mandlikova, würde sie nicht ihren Kopf durchsetzen.

Den Gefühlen freien Lauf
Bei der Teamvorstellung ergriff die amtierende US Open-Siegerin das Mikrophon und begrüßte Navratilova. Ein Affront. Und sie setze noch einen drauf und sprach ihre Gegnerin danach noch mit tschechischer Aussprache an. Die tschechische Nationalhymne, übersetzt „Wo ist mein Zuhause“ (ausgerechnet…), wurde gespielt, Navratilova kamen die Tränen.

Und es rollten noch weitere. Die USA setzten sich mit 3:0 gegen die Gastgeber durch wobei Navratilova vom Stadion hofiert wurde wie eine Königin. Bei der Siegerehrung erfüllte sie die Zurufe des Publikums und wechselte vom englischen ins tschechische. Im Stadion hätte man eine Stecknadel fallen hören:

„Ich brauche euch nicht zu sagen, wie besonders es für mich ist, diese Woche hier zurückzukommen, wieder hier zu sein. Ich kann nur hoffen, es werden nicht wieder elf Jahre vergehen, bis ich wiederkomme. Ein orkanartiger Jubel brach los. Die verlorene Tochter war zurück, wenn auch nur für eine Woche.


Sebastian Gewande (Bild : jeansebastienmarceau.com)

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