Alexander Zverev schreibt Tennis-Geschichte. Der letzte Deutsche im Finale e... - Bildquelle: Getty Images/ImagoAlexander Zverev schreibt Tennis-Geschichte. Der letzte Deutsche im Finale eines Grand Slams war Rainer Schüttler. Dieser zeigt sich im ran.de-Interview stolz. © Getty Images/Imago

München - Rainer Schüttler war im Jahr 2003 der letzte deutsche Tennis-Profi bei den Herren, der ein Grand-Slam-Finale erreichte. Damals unterlag er bei den Australian Open klar und deutlich dem US-Amerikaner Andre Agassi.

17 Jahre später hat es mit Alexander Zverev bei den US Open endlich wieder ein Deutscher in das Endspiel eines Grand Slams geschafft.

 

Im exklusiven Interview mit ran.de spricht Schüttler über Zverevs Leistung in New York, worauf es im Finale gegen Dominik Thiem ankommen wird und warum ein möglicher Grand-Slam-Sieg auch dem Image des Deutschen helfen würde.

ran.de: Rainer Schüttler, mit Alexander Zverev hat es 17 Jahre nach Ihrem Einzug ins Finale der Australian Open 2003 nun bei den US Open endlich wieder einmal ein Deutscher ins Herren-Endspiel eines Grand Slams geschafft. Wie bewerten Sie Zverevs Leistung in New York?

Rainer Schüttler: "Ich muss schon sagen, dass das absolut gigantisch war. In den ersten beiden Sätzen des Halbfinals gegen Pablo Carreno Busta hat Zverev sicherlich nicht sein bestes Tennis gespielt, war viel zu passiv. Zumal es gegen den Spanier brutal schwer ist, weil er so gut wie keine Fehler macht, unangenehm spielt und du dir wirklich jeden einzelnen Punkt erarbeiten musst. Nach dem 0:2-Satzrückstand hat Zverev dann aber dermaßen aufgedreht, wurde deutlich aggressiver und dominanter, vor allem mit dem Aufschlag. Für mich eine Wahnsinnsleistung. Vor allem diese Nervenstärke, so ein Match noch zu drehen. Das war extrem beeindruckend."

Auch ohne Big-3 ein echter Erfolg

ran.de: Viele Experten schätzen den Finaleinzug von Zverev unter dem Strich gar nicht als so herausragend ein, weil aufgrund von Corona Stars wie Roger Federer oder Rafael Nadal fehlen und Top-Favorit Novak Djokovic disqualifiziert wurde. Wie schätzen Sie die Situation ein?

Schüttler: "Es ist doch letztlich immer so, dass bei Grand Slams einige Top-Stars fehlen – häufig aufgrund von Verletzungen. Federer wurde zum Beispiel erst vor einiger Zeit am Knie operiert und hätte höchstwahrscheinlich sowieso nicht spielen können. Dass Nadal nicht dabei ist, war ja ganz allein seine Entscheidung und es ist ja jetzt auch nicht so, dass er in seiner Karriere noch nie verletzt war und deswegen kein Grand Slam verpasst hätte. Und bei Djokovic war die Disqualifikation natürlich Pech, aber es gab in der Vergangenheit ja immer solche oder zumindest ähnliche Situationen, in denen Spieler beispielsweise aufgeben mussten oder Ähnliches. Von daher bewerte ich diese US Open wie jedes andere Grand-Slam-Turnier auch, zumal in drei Wochen keiner mehr danach fragen wird, wie das Teilnehmerfeld war. Außerdem hat Zverev ja auch schon bei seinem ATP-Masters-Triumph bewiesen, dass er sämtliche Top-Stars schlagen kann. Also: Sollte er das Turnier in New York gewinnen, müsste er sich definitiv nicht dafür schämen."

ran.de: Welche Rolle spielt es für die Spieler in New York vor allem im Hinblick auf das große Finale, aufgrund von Corona vor leeren Rängen spielen zu müssen?

Schüttler: "Ich glaube, dass du auf dem Platz dermaßen im Tunnel bist und so sehr das große Ziel vor Augen hast, dass du das sehr gut ausblenden kannst. Das wird in den ersten ein, zwei Runden noch etwas komisch gewesen sein, aber dann hat man sich an die Umstände gewöhnt. Aber klar ist, dass du – vor allem in New York, wo es ansonsten immer unruhig und hektisch zugeht – lieber Zuschauer auf den Rängen hast, die Emotionen transportieren. Sie fehlen also ganz sicher und ich hoffe sehr, dass sie schon bald wieder dabei sein dürfen."

ran.de: Im Finale der US Open kommt es nun zu einer ganz besonderen Konstellation. Mit Zverev und Thiem treffen nicht nur zwei enge Freunde aufeinander, sondern auch Spieler, die gemeinsam mit Djokovic aufgrund der ominösen "Adria-Tour" in den vergangenen Wochen mächtig in die Kritik geraten sind. Wie schätzen Sie das ein?

Schüttler: "Zur 'Adria-Tour' möchte ich zunächst einmal sagen, dass sie unter den Auflagen, die damals beispielsweise in Deutschland, Frankreich, Österreich oder der Schweiz gegolten haben, nie hätte stattfinden dürfen. Aber: In Serbien gab es diese Auflagen zu diesem Zeitpunkt nicht, die Regierung hat dieses Turnier ausdrücklich erlaubt. Von daher finde ich es schon ein bisschen hart, Djokovic nun die Schuld allein in die Schuhe zu schieben. Aus heutiger Sicht hätten damals natürlich auch in Serbien schon andere Auflagen gelten müssen und ich bin mir sicher, dass auch Djokovic heute anders handeln würde. Dass auf der anderen Seite das extreme Feiern mit freiem Oberkörper überhaupt nicht geht, ist jedoch auch klar. Und zum Finale: Zverev und Thiem kennen sich natürlich sehr gut, sind befreundet, beide super nette Kerle, aber es geht letztlich um einen Grand-Slam-Titel. Da werden sich beide voll fokussieren und für sich das Beste rausholen wollen. Natürlich wünsche ich mir am Ende endlich mal wieder einen deutschen Grand-Slam-Sieger bei den Herren. Das würde dem Tennissport in Deutschland sehr gut tun."

"Grand-Slam-Sieg könnte Knoten lösen"

ran.de: Und vielleicht auch Zverevs Image? Das ist in Deutschland ja nicht unbedingt das beste …

Schüttler: "Ja, das stimmt. Aber ich kenne Alex und auch seinen Bruder Mischa sehr gut, dass ist eine super nette Familie und auch Alex ist wirklich ein richtig guter Typ und ein Mega-Tennisspieler. Er geht eben seinen Weg und will unbedingt gewinnen. Ich glaube schon, dass ein Grand-Slam-Sieg ihm und seinem Ruf helfen könnte, weil er diese große Bürde dann endlich ablegen könnte. Seit Jahren kommen die Leute zu ihm und sagen: 'Du wirst ein Grand-Slam-Turnier gewinnen'. Das ist für so einen jungen Mann schon ein enormer Druck. Und ich glaube, dass vieles von ihm abfallen würde, wenn er den ganz großen Wurf endlich einmal schafft."

 

ran.de: Worauf wird es im Finale gegen Thiem ankommen?

Schüttler: "Zverev muss sein Spiel spielen, aktiv und aggressiv von der Grundlinie und dominant mit seinem starken Aufschlag. Er darf nicht wie in den ersten beiden Sätzen gegen Carreno Busta zu passiv werden – da wird es gefährlich. Am Ende glaube ich aber, dass bei diesen beiden die Tagesform das Match entscheiden wird."

ran.de: Sie waren im Jahr 2003 der letzte deutsche Tennis-Profi im Herren-Finale eines Grand-Slam-Turniers – und unterlagen bei den Australian Open dem US-Amerikaner Andre Agassi. Was muss Zverev gegen Thiem besser machen als Sie vor 17 Jahren?

Schüttler: "Viel schlechter zu spielen als ich damals im Endspiel, geht ja eigentlich gar nicht (lacht). Er soll einfach an sich und seine Stärken glauben, dann wird das schon gut gehen. Ich wünsche ihm jedenfalls viel Erfolg und hoffe, wie gesagt, nach 1996 und Boris Becker endlich mal wieder auf einen deutschen Grand-Slam-Sieger bei den Herren."

Das Interview führte: Dominik Hechler

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