Aus meiner Arbeit als Verbandstrainerin im Badischen Tennisverband weiß ich: Die zentrale Frage lautet nicht nur „Wie gewinnen wir Kinder?“, sondern vielmehr: Wie verbinden wir eine breite, frühe Förderung mit einem späteren leistungsorientierten Trainingsweg, sodass Talente nicht durchs Raster fallen, Kinder Freude und Motivation behalten und Überforderung vermieden wird? Wie gestalten wir einen Weg, der sowohl die Freude am Spiel als auch die langfristige Entwicklung individueller sportlicher Fähigkeiten bestmöglich ermöglicht?
Ein guter Einstieg in den Tennissport beginnt dort, wo Hürden möglichst niedrig sind. Kooperationen mit Kitas und Schulen, kostenlose oder sehr günstige Schnupperkurse sowie Leihschläger und -bälle im Verein sorgen dafür, dass kein Kind aus finanziellen oder organisatorischen Gründen ausgeschlossen wird. Kinder, die den Sport ohne Druck und ohne große Investitionen kennenlernen dürfen, haben eine deutlich höhere Chance, langfristig dabei zu bleiben.
Ob aus einem neugierigen Erstkontakt eines Kindes eine dauerhaft begeisterte Tennisleidenschaft wird, entscheidet sich oft schon im Training: Kinder bleiben im Verein, wenn sie Spaß haben und Erfolgserlebnisse spüren. Kleine, altersgerechte Gruppen ermöglichen mehr Ballkontakte, eine individuelle Ansprache und persönliche Zuwendung – und das ist entscheidend für die Motivation. Methoden wie Play & Stay, bei denen Kinder mit kleinen Spielfeldern, weichen Bälle und vielfältigen Spielformen ganz ohne Leistungsdruck lernen, sind dabei so wichtig. Je öfter ein Kind den Ball erfolgreich ins Feld spielt, desto größer wächst das Selbstvertrauen – und diese positiven Erfahrungen sind es, die Kinder an den Sport und an den Verein binden. Diese Erlebnisse sichtbar zu machen – sei es durch Urkunden und Aufkleber wie bei Talentino, oder durch vereinsindividuelle Auszeichnungen – verstärken die Motivation und den Stolz auf das eigene Können nochmals.
Als Trainerin sehe ich mich dabei nicht nur als Fachfrau für technische und taktische Inhalte, sondern vor allem als Bezugsperson. Für Kinder sind die Trainerinnen und Trainer zentral, weil sie durch ihre Art, Haltung und Wertschätzung den Unterschied machen: Ein Coach, der Kinder beim Namen kennt, sie lobt, positiv führt und echtes Interesse an ihrer Entwicklung zeigt, schafft Bindung und Vertrauen. Das ist oft der entscheidende Grund, warum Kinder Woche für Woche wiederkommen.
Neben dem Training selbst sehe ich die Gemeinschaft im Verein als einen der größten Bindungsfaktoren. Kinder bleiben dort, wo sie Freundschaften knüpfen und gemeinsame Erlebnisse haben. Gemeinsame Trainingszeiten, Feriencamps, kleine Turniere oder Vereins-Events verwandeln den Tennisverein in einen sozialen Treffpunkt und machen den Sport zu einem Erlebnis, das über den reinen Ballkontakt hinausgeht.
Genauso wichtig ist die Einbindung der Eltern. Zufriedene Eltern, für die es ebenfalls stimmige Angebote im Verein gibt, die sehen, dass ihr Kind gut betreut wird, sind ein Stabilitätsfaktor und unterstützen den Verein in vielfältiger Weise. Regelmäßige Informationen, transparente Kommunikation und Möglichkeiten zur Mitarbeit im Ehrenamt stärken das Vertrauen in die Jugendarbeit und geben Eltern das Gefühl, Teil eines Netzwerks zu sein.
Klingt einfach? Ist es in der Praxis oft nicht. Besonders sensibel sind Übergänge – etwa vom spielerischen Training in Mannschaftsstrukturen der beim altersbedingten Wechsel in neue Klassen. Hier braucht es Begleitung, klare Strukturen und individuelle Orientierung, damit kein Kind den Anschluss verliert. Gerade in diesen Phasen verlieren Vereine immer wieder Kinder, weil es an Einfühlungsvermögen, Kommunikation oder passenden Angeboten fehlt. Ebenso zeigen sich typische kritische Altersphasen: Zwischen acht und zehn Jahren treten oft Motivationsschwankungen auf; zwischen zwölf und vierzehn Jahren verschieben sich Interessen, die Schule wird wichtiger und neue soziale Erfahrungen drängen ins Zentrum. In diesen Zeiten sind Geduld, Verständnis und flexible Angebote gefragt, nicht Druck oder starre Leistungserwartungen. Nur so können Kinder in ihrem eigenen Tempo wachsen und zugleich die Tür für spätere, leistungsorientierte Entwicklung offenhalten.
Vor diesem Hintergrund bin ich überzeugt: Vereine sind gut beraten, zwei Wege parallel anzubieten – einen leistungsorientierten Weg mit strukturiertem Training, Wettkampfmöglichkeiten und gemeinschaftlichen Entwicklungspfaden für ambitionierte Talente und einen freizeitorientierten Weg, der Spiel, Spaß und Gemeinschaft in den Vordergrund stellt. Beide Wege sollen sich nicht ausschließen, sondern sich sinnvoll ergänzen. Kinder können so je nach Interesse und Entwicklungsstand flexibel wechseln oder Erfahrungen aus beiden Bereichen sammeln.
Ein Beispiel dafür, wie wir im Verband spielnahe Wettkampf‑Strukturen fördern, ist der neugeschaffene Green Team‑Cup im U10‑Bereich: Er bietet Kindern unter Wettkampfbedingungen zahlreiche Spielgelegenheiten, ohne die Ergebnisse in den Mittelpunkt zu stellen – Entwicklung und Spielpraxis stehen im Vordergrund.
Wenn diese beiden Wege sinnvoll verzahnt werden, entsteht eine inklusive Vereinslandschaft, in der Freude, Motivation und sportliche Entwicklung Hand in Hand gehen – ein Umfeld, in dem Kinder gerne bleiben, sich gesund entwickeln und gleichzeitig die Möglichkeit haben, ihr sportliches Potenzial voll auszuschöpfen, ohne überfordert zu werden.