Meine langjährige Arbeit als Trainerin beim Badischen Tennisverband hat mir die Möglichkeit gegeben, zahlreiche junge Talente auf ihrem Weg zu begleiten. Ich durfte Spielerinnen und Spieler entwickeln, fördern und begleiten. Mit großer Freude blicke ich auf die verschiedensten Verläufe ihrer „Tenniskarrieren“ zurück und bin stolz darauf, dass viele ehemalige Kaderathlet:innen noch heute den Weg ins LLZ finden – zu einem Besuch, einer Trainingseinheit oder einfach auf einen gemeinsamen Austausch.
Wenn ich auf diese Jahre zurückblicke, denke ich nicht nur an die Spielerinnen und Spieler zurück. Ich denke auch an die Menschen im Hintergrund: die Eltern. Ihre Rolle im Jugendtennis wird aus meiner Sicht häufig unterschätzt. Dabei haben Eltern einen enormen Einfluss auf die Entwicklung eines Kindes. Nicht als Trainerersatz. Nicht nur als Manager. Auch nicht als zusätzlicher Coach. Ihre wichtigste Aufgabe ist eine andere: Sie sind das emotionale Fundament.
Nach vielen Jahren am Platzrand, bei Trainingseinheiten, Mannschaftsspielen und Turnieren bin ich überzeugt: Die Entwicklung eines jungen Talents entscheidet sich selten nur an Technik, Taktik oder Athletik. Es entscheidet sich auch ganz wesentlich am Umfeld. Wie dieses elterliche Fundament gestaltet ist, macht häufig den Unterschied zwischen Freude und Druck, zwischen Entwicklung und Stillstand, zwischen mutigem Spielen und Angst vor Fehlern – und letztlich auch zwischen langfristigem Verbleib im Tennis und frühem Ausstieg.
Eltern wirken – immer
Viele Eltern möchten alles richtig machen. Sie investieren Zeit und Geld, fahren ihre Kinder zu Turnieren, begleiten Trainingsprozesse und fiebern mit. Diese Unterstützung ist wertvoll und wichtig. Gleichzeitig müssen wir Coaches uns immer wieder bewusst machen: Eltern wirken immer. Viele Eltern sagen immer wieder „Ich halte mich doch zurück.“ Das mag objektiv stimmen. Sie geben keine Tipps, rufen nichts hinein und versuchen, ruhig auf der Tribüne zu sitzen. Aber subjektiv erleben Kinder ihre Eltern immer. Der Blick nach einem verlorenen Punkt. Das Seufzen nach einem Doppelfehler. Die angespannte Körpersprache beim Matchball - all das wird wahrgenommen!
Fast immer und überall stehen die Kinder allein auf dem Platz. Sie treffen Entscheidungen und müssen schwierige Situationen selbst lösen. Daher beobachte ich bereits seit vielen Jahren nicht nur den Ballwechsel. Sondern auch, gegen wen ein Kind manchmal wirklich spielt. Gegen das Gegenüber auf der anderen Seite des Netzes? Oder gegen die eigene Angst, Erwartungen nicht zu erfüllen?
Aber was können wir hier als Coaches dazu beitragen? Kann uns das egal sein? Es gibt einige Punkte, die für mich unverzichtbar sind.
Zwischen Unterstützung und Druck
Ein Thema, das uns Trainerinnen und Trainer immer wieder beschäftigt, ist der Umgang mit Ergebnissen. Im Tennis spielen Ergebnisse natürlich eine Rolle. Gerade im Leistungsbereich gehören Ranglisten, Leistungsklassen, Turnierergebnisse oder Mannschaftsaufstellungen zwangsläufig dazu. Schwierig wird es immer dann, wenn die Kinder oder die Jugendlichen daraus ableiten: Ich bin nur dann gut, wenn ich gewinne.
Diese Denkweise kann eine Spirale auslösen: Fehlerangst, Risikovermeidung und fehlendes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Genau das verhindert oft, was wir Coaches doch eigentlich entwickeln wollen: Mut, Kreativität und Eigenverantwortung. Ich habe viele talentierte Jugendliche erlebt, die nicht am fehlenden Fleiß oder Ehrgeiz gescheitert sind, sondern an inneren Blockaden. Daher lautet mein Apell immer und immer wieder: Eine Niederlage kann wertvoll sein. Ein schlechter Tag kann ein wichtiger Entwicklungsschritt sein. Entscheidend ist, welche Botschaft wir danach vermitteln.
Genau an dieser Stelle begegnet uns Trainerinnen und Trainern ein weiteres Phänomen, das wahrscheinlich alle kennen: das sogenannte Doppel-Coaching. Eltern wollen helfen - sie informieren sich, schauen Videos im Internet, greifen auf eigene Spielerfahrungen zurück oder analysieren nach dem Match einzelne Spielsituation. Die Absicht dahinter ist fast immer dieselbe: das eigene Kind bestmöglich zu unterstützen. Doch die Wirkung kann anders sein.
Entwicklung ist dann nachhaltig, wenn die Rollen klar verteilt sind. Der Coach trägt die Verantwortung für die sportliche Entwicklung, für Technik, Taktik und Trainingssteuerung. Die Eltern übernehmen eine mindestens genauso wichtige andere Aufgabe: Sie geben Sicherheit, Vertrauen und emotionale Stabilität.
Dazu gehört auch der Umgang mit der Tribüne. Sie ist kein neutraler Ort. Sie ist Teil des Entwicklungsraum eines Talents. Eltern dürfen mitfiebern, sich freuen oder nach einem engen Match auch mal enttäuscht sein. Es geht nicht darum, Emotionen zu unterdrücken oder regungslos auf der Bank zu sitzen. Entscheidend ist vielmehr, wie diese Emotionen nach außen wirken. Sichtbare Enttäuschung, taktische Zurufe oder ständiges Kommentieren von Fehlern können junge Spieler:innen stärker unter Druck setzen, als wir denken.
Gemeinsam Verantwortung übernehmen
Daher gebe ich unseren Kadereltern immer einen Wunsch mit auf den Weg: Lasst euer Kind das Match selbst erleben – auch emotional. Lasst es eigene Lösungen finden, Rückschläge verarbeiten und Siege genießen.
Rückschläge gehören dazu. Das gilt für Spieler:innen, Eltern und auch für uns Coaches. Beim Badischen Tennisverband haben wir oft schwierige Diskussionen geführt, wenn es um Kaderentscheidungen ging – über Leistungseinbrüche, stagnierende Entwicklungen oder Rückschritte. Gleichzeitig wissen wir: Zwischen Kindsein und Erwachsenwerden passiert enorm viel. Der Körper verändert sich, Bewegungen fühlen sich plötzlich ungewohnt an, die Koordination schwankt und das Selbstbild gerät ins Wanken.
Wenn ich dann auf die vielen Nachwuchscracks zurückblicke, mit denen ich auf dem Platz gestanden bin, gilt ganz deutlich: Die Jugendlichen, die ihren Weg gegangen sind – egal, ob im Leistungs- oder Breitensport –, hatten fast immer eines gemeinsam: hatten häufig eines gemeinsam: Eltern, die schwierige Phasen ausgehalten haben. Eltern, die nicht sofort Lösungen gesucht, sondern zunächst Halt gegeben haben. Und Coaches, die gemeinsam mit den Eltern gearbeitet haben.
Deshalb ist die Zusammenarbeit mit Eltern für Coaches im Leistungssport eine zentrale Aufgabe. Wir sehen unsere Spieler:innen nur einige Stunden pro Woche. Eltern erleben den Alltag. Sie erkennen oft früh, wenn Schule, Schlaf oder Belastung aus dem Gleichgewicht geraten. Sie sind wichtige Partner:innen in der Belastungssteuerung.
Kinder brauchen das Gefühl, auch einmal eine Pause machen zu dürfen, ohne jemanden zu enttäuschen. Gerade in einer Zeit, in der viele Jugendliche zwischen Schule, Training und Wettkampf pendeln, ist das wichtiger denn je.
Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Eltern einer früheren Kaderathletin. Sie fragten mich, was ich mir von ihnen wünsche. Meine Antwort war erstaunlich kurz: Vertrauen statt Kontrolle. Interesse statt Druck. Geduld statt Vergleiche. Unterstützung statt Bewertung.
Nicht jedes Talent wird Leistungssportler:in werden. Aber jede positive Tennisbiografie entsteht aus einem stabilen Umfeld. Wenn ich heute zurückblicke, erinnere ich mich nur selten an Ranglisten oder Turniersiege. Ich erinnere mich an Beziehungen. Den Unterschied machten fast immer die stabilsten Beziehungen. Zwischen Kind und Coach. Zwischen Eltern und Kind. Aber auch zwischen Eltern und Trainer:in.
Eltern im Jugendtennis sind keine Zuschauer:innen. Sie gestalten mit – leise, aber mit einer großen Wirkung. Und vielleicht besteht eine der wichtigsten Aufgaben von uns Trainerinnen und Trainern gar nicht darin, eine bessere Vorhand zu entwickeln oder das Kind zu animieren, vor ans Netz zu gehen. Unsere Aufgabe endet nicht an der Grundlinie. Wir entwickeln nicht nur Spielerinnen und Spieler, sondern begleiten ein ganzes Umfeld – und dazu gehören die Eltern.
Jugendtennis ist kein geradliniger Entwicklungsprozess. Er verläuft in Wellen – mit Phasen der Euphorie und Phasen der Unsicherheit. Die Aufgabe als Coach ist es, diese Wellen sportlich zu begleiten und gleichzeitig Eltern Orientierung zu geben. Dort, wo Eltern Halt geben, Trainer:innen den Weg vorzeichnen und Kinder Schritt für Schritt Verantwortung übernehmen dürfen, entsteht weit mehr als ein guter Tennisspieler. Es entsteht ein junger Mensch, der an den Herausforderungen des Sports wachsen kann.