Talent, Technik, Physis – das sind Faktoren, die Tenniscracks weit bringen können, auf lange Sicht sind es jedoch nicht die zentralen Dinge. Viel entscheidender sind die Fähigkeiten, die im Hintergrund wirken.

Ich selbst stehe seit rund drei Jahrzehnten auf dem Tennisplatz, habe den Tennissport über die internationale Juniorenzeit bis hin zum College-Tennis gelebt und konnte als Coach Spieler:innen auf ganz unterschiedlichen Niveaus begleiten. Dabei hat sich eines immer wieder bestätigt: Egal ob Anfänger oder Profi – wenn man genügend Zeit mit Menschen verbringt, die dasselbe tun wie man selbst, nämlich einen gelben Ball hin und her schlagen und hoffen, dass er nicht zurückkommt, erkennt Muster und sieht, welche Faktoren wirklich den Unterschied machen.

Als Trainer besteht meine Aufgabe darin, diese Faktoren zu erkennen und sie so zu vermitteln, dass sie für den jeweiligen Schützling greifbar und umsetzbar werden. Denn kein:e Spieler:in ist gleich. Unterschiedliche körperliche Voraussetzungen, Persönlichkeiten, Erfahrungen und mentale Strukturen erfordern individuelle Ansätze. Gleichzeitig gibt es jedoch einige Prinzipien, die sich durch alle Leistungsstufen ziehen und für Spieler:innen wie Trainer:innen zu Erfolgsfaktoren werden können.

Die Kunst der Anpassung

Einer davon ist die Fähigkeit zur Anpassung und Veränderungsfähigkeit. Spieler:innen müssen lernen zu erkennen, was auf dem Platz passiert, warum sie Punkte gewinnen oder verlieren, - und darauf zu reagieren. Es geht darum, Muster zu identifizieren und bereit zu sein, Veränderungen vorzunehmen. Im Training bedeutet das, bewusst Situationen zu schaffen, in denen genau diese Anpassungsfähigkeit gefordert ist. Sie sollten lernen, Strategien zu hinterfragen, auf die Stärken und Schwächen des Gegenübers einzugehen und äußere Bedingungen wie Wetter, Belag oder Spieltempo zu berücksichtigen. Wer schneller erkennt, dass ein Matchplan nicht funktioniert und entsprechend reagiert und sich auf die Veränderung einlässt, verschafft sich einen klaren Vorteil und damit eine bessere Siegchance.

Eng damit verbunden ist die Fähigkeit, Ruhe zu bewahren. Gerade im Tennis, wo zwischen den Punkten kurze Pausen entstehen, liegt hier ein enormes Potenzial. Spieler:innen müssen lernen, diese Momente zu nutzen, um sich zu regulieren, ihre Gedanken zu ordnen und sich neu auszurichten. Methoden wie Atemübungen, feste Routinen oder kleine Rituale können dabei helfen – allerdings nur, wenn verstanden wird, warum sie funktionieren. Diese Ruhe entsteht nicht im Wettkampf, sondern muss im Training geübt werden. Deshalb ist es entscheidend, auch dort Drucksituationen zu simulieren und die Spieler:innen gezielt mit Herausforderungen zu konfrontieren.

Entwicklung beginnt mit dem richtigen Verständnis

Das führt uns zum nächsten Faktor: Reife. Ein weit zu fassender Begriff, der für mich jedoch bedeutet, dass jemand in der Lage ist, seine Emotionen zu kontrollieren und bewusst zu handeln. Quasi intelligenter und stärker als seine Gefühle sind. Emotionen sind im Sport völlig normal, doch entscheidend ist, wie man mit ihnen umgeht. Besonders junge Spieler:innen neigen dazu, nach Fehlern impulsiv zu reagieren oder die Kontrolle zu verlieren. Hier liegt eine große Chance im Training: Spielerinnen und Spieler können lernen, die 20–25 Sekunden zwischen den Punkten zu nutzen, sich nach schwierigen Situationen neu zu fokussieren, Emotionen zu regulieren und die richtigen Entscheidungen für den nächsten Punkt zu treffen. Reife zeigt sich darin, einen Schritt zurückzutreten, durchzuatmen und das eigene Verhalten bewusst zu steuern. Wir können dies trainieren, indem wir im Training schwierige Szenarien schaffen, sie mental herausfordern und einige dieser Methoden durchgehen, um diese Ruhe zu erreichen.

Es erfordert viel von Spieler:innen, diesen „mentalen Zustand“ zu erreichen. Alles beginnt jedoch auf dem Trainingsplatz. Wir als Trainer:innen müssen verstehen, wie unsere Spieler „ticken“, was sie motiviert und was ihr Ziel ist. Das Konzept von „intrinsischer und extrinsischer Motivation“ spielt eine große Rolle dabei, wie Spieler in Drucksituationen handeln. Und das sollte einer der ersten Faktoren sein, den wir Coaches über unsere Spieler:innen lernen. Was wollen sie wirklich? Geht es ihnen „nur“ um gute Ranglisten und Status – oder streben sie danach, die beste Version von sich selbst zu werden? Steht ihr Ego im Weg, um den nächsten Schritt wirklich zu machen oder können sie es beiseitelegen und zuhören? Diese Erkenntnis beeinflusst, wie mit Druck, Feedback und Rückschlägen umgegangen wird –  und wie offen sie für Weiterentwicklungen sind.

Coaching zwischen Anspruch und Wirkung

Mein eigener Werdegang, vom frühen Kindesalter bis hin zum College, wurde von nur zwei Trainern geprägt: meinem Vater, Dr. Laszlo Zsiga, der großen Wert auf ein ganzheitliches Verständnis des Spiels legte und meinem College-Coach Matt Knoll, der primär Disziplin, mentale Stärke und körperliche Belastbarkeit einforderte. Mein Vater versuchte immer, mich auf harte, aber konstruktive Weise zu führen, damit ich die Situation selbst erkenne. Mein College-Coach Matt Knoll kombinierte dies mit seinem eher bestimmenden „Commanding“ Coaching-Stil. Einige Schwerpunkte für unser Team waren Disziplin, Belastbarkeit, mentalen und körperlichen Druck ertragen, und als wichtigsten, das Ego zu Hause zu lassen…die „Belohnung“ dafür war oft, dass wir so viel laufen mussten, bis wir nicht mehr wussten, welcher Teil des Tages gerade war.

Diese Kunst des Coachings vermag altmodisch und rau zu sein. Aber trotz unterschiedlicher Ansätze hatten beide eines gemeinsam: den Fokus auf die Faktoren, die ein Spieler kontrollieren kann – und die konsequente Entwicklung genau dieser Fähigkeiten! Talent allein reicht nicht aus, wenn ein:e Spieler:in nicht in der Lage ist, Kritik anzunehmen und daraus zu lernen. Die Bereitschaft, das eigene Ego zurückzustellen und coachbar zu sein, ist ein Entwicklungsschritt. Spieler:innen, die Feedback als Chance begreifen, haben langfristig deutlich bessere Voraussetzungen, ihr Potenzial auszuschöpfen.

Letztlich zeigt sich immer wieder, dass unabhängig von Spielstil oder Persönlichkeit die erfolgreichsten Spieler ähnliche Qualitäten entwickeln mussten. Sie lernen, ruhig zu bleiben, sich anzupassen, mit Druck umzugehen, Feedback anzunehmen und ihr Ego in den Hintergrund zu stellen. Genau darin liegt eine der wichtigsten Aufgaben für uns als Trainer: nicht nur Schläge zu verbessern, sondern Spieler dabei zu unterstützen, diese grundlegenden Fähigkeiten zu entwickeln.

Artikel teilen

Aktuellste News

Badische Athlet:innen vor dem BTV-Bus kurz vor Abfahrt nach Hamburg
Abfahrt nach Hamburg: Liana Kolesnikow, Alyssa Kobus, Ana Stratulat (hinten v.l.), Philip Steyn, Toni Weishäupl und Jaro Schindler (vorne v.l.) mit ihren Trainern Rainer Öhler und Mate Zsiga

Badens Nachwuchstalente zu Gast in Hamburg

Aufbau des Porsche Mini Tennis Grand Prix in der Porsche Arena in Stuttgart wo alle vier Beläge gespielt werden
Beim Finalturnier des Porsche Mini Tennis Grand Prix wird auf allen vier „Grand Slam“-Belägen gespielt

Finalturnier des Porsche Mini Tennis Grand Prix

Zwei Tennisspielerinnen beim Mobilitätstraining auf dem Platz
Vorbereitung für die Sandplatzsaison: unsere BTV-Talente bei der Athletikwoche im LLZ Leimen

Starke Vorbereitung und internationale Erfolge im März