Diese Frage habe ich in diesem Jahr in unserer allabendlichen Fragerunde im Trainingslager in der Türkei unseren Nachwuchsathlet:innen gestellt. Die Reaktionen waren verhalten – meist ein Schulterzucken.
Denn dazu mache ich mir als Trainer mit jahrzehntelanger Erfahrung natürlich so meine Gedanken. Denn die kurze Antwort lautet ganz eindeutig: Ja, diese Unterschiede gibt es.
Im Training zeigt sich häufig ein klares Muster: Jungs fragen sehr früh und sehr direkt – und sehr regelmäßig – „Spielen wir heute um Punkte?“ oder „Wann spielen wir endlich um Punkte“. Solche Sätze höre ich von Mädchen eher seltener. Wenn ich Jungs im freien Spiel agieren lasse, dauert es meist nicht lange, bis sie selbstständig in einen Wettkampfmodus wechseln – selbst kleine Spielformen im Kleinfeld entwickeln schnell eine hohe emotionale Dynamik. Mädchen hingegen bleiben häufiger im technischen Austausch: Cross-, Longline- oder Rhythmusübungen stehen im Vordergrund, oft mit stärkerer Orientierung an Traineranweisungen.
Aber woran liegt das? Die Sportpsychologie liefert hier interessante Hinweise. Diese Unterschiede haben weniger mit der tatsächlichen oder vermuteten Leistungsfähigkeit zu tun, sondern vielmehr mit Motivationsstruktur, mit sozialem Lernen und mit der individuellen Wahrnehmung von Druck.
Unterschiedliche Motivationen im Spiel?
Bei vielen Jungs steht eher eine wettbewerbsorientierte Motivation im Vordergrund. Der Vergleich mit dem Gegner, das Gewinnen und das konsequente Zählen von Punkten sind zentrale Elemente ihres Spielverständnisses. Punkte sind das Spiel!
Mädchen hingegen fokussieren stärker auf Technikverbesserung, auf Rhythmusschulung und auf ein harmonisches Spielgefühl. Der Prozess ist oft wichtiger als das Ergebnis. Punktspiele können deshalb häufiger als Bewertungssituation erlebt werden – und weniger automatisch als reiner Spielspaß. Das kann dazu führen, dass Wettkampfformen schneller Stress auslösen und seltener in den sogenannten Flow-Zustand führen.
Ein weiterer Beobachtungspunkt: Wenn um Punkte gespielt wird, wissen manche Spielerinnen den Spielstand oft gar nicht genau. Entsprechend fehlen dann auch sichtbare emotionale Reaktionen. Wer nicht weiß, wie es steht, reagiert logischerweise auch nicht auf den Spielverlauf – ein Aspekt, der im Training immer wieder sichtbar wird. Ich bin schon oft darauf angesprochen worden und wer mich als Trainer kennt, weiß wie ich darauf reagiere.
Hinzu kommt die psychologische Wirkung von Wettbewerbssituationen. Fehler werden sichtbarer, Vergleiche entstehen ganz unmittelbar, und je nach Ergebnisausgang kann der Selbstwert stark und schnell betroffen sein. Daher meiden manche Mädchen diese Form des direkten Wettbewerbs im Training eher und bevorzugen Übungsformen ohne Ergebnisdruck. Das ist kein Zeichen von fehlendem Ehrgeiz, sondern eher Ausdruck einer anderen emotionalen Verarbeitung von Wettbewerb.
Auch auffällig in diesem Zusammenhang: Viele Mädchen entwickeln früher eine stärkere Selbstreflexion. Sie bewerten eigene Fehler intensiver und neigen zu höherem Perfektionismus als gleichaltrige Jungen.
Gleicher Inhalt, aber andere Verpackung fürs Training?
Die entscheidende Frage lautet nun: Hat das Auswirkungen auf mein Coaching?
Ich denke ja – zumindest im Sinne einer bewussteren Gestaltung des Trainings. Ein guter Coach sollte diese Unterschiede kennen und flexibel darauf reagieren. Die Möglichkeiten der Anpassung sind ganz vielfältig und zahlreich: Punktspiele lassen sich durch klare technische Vorgaben „verpacken“ (erst nach drei Cross-Bällen darf der Punkt ausgespielt werden), Team-Challenges, bei denen die gewonnen Punkte im Team zusammenaddiert werden, können zum Einsatz kommen – oder auch Aufgabenformate, bei denen der Fokus vom Ergebnis weg auf die Aufgabe gelenkt wird (ein Punkt zählt doppelt, wenn er mit einem Winner abgeschlossen wurde). Auch kürzere Spielformate nehmen den Druck etwas heraus, wie z. Bsp. der Einsatz von Kurzsätzen oder Matchtiebreaks. Dann liegt der Erfolg nicht mehr im Gewinnen, sondern im Ausprobieren, Lernen und Entwickeln.
Unabhängig von der unterschiedlichen Wahrnehmung des Formats Wettkampfs zeigen sich bei Jungen und Mädchen auch erhebliche Unterschiede im technischen oder taktischen Bereich. Schon mal darüber nachgedacht, dass viele Mädchen sich scheuen, einen Tweener zu spielen? Oder warum kommt – statistisch gesehen – der Topspinvolley bei Mädchen häufiger zum Einsatz als Schmetterbälle? Warum geben Jungen ihren Bällen viel mehr Spin mit auf den Weg? Diese Aspekte verdienen jedoch einen eigenen Impuls.
Ein abschließender Gedanke ist mir noch wichtig: In leistungsorientierten Umgebungen – wie beispielsweise bei uns im Landesleistungszentrum – verschwinden diese Unterschiede oft weitgehend. Und die Spielerinnen entwickeln dort eine sehr hohe Wettkampfstabilität. Dennoch zeigt sich auch bei uns: Bei Turnieren, ganz egal ob im Jugend- oder im Erwachsenenbereich, trainieren die Mädchen lieber mit uns als Coach als mit anderen Spielerinnen, während Jungs schneller aktiv nach Sparringspartnern suchen.
Was bedeutet das nun für uns als Coaches? Man trainiert als Coach zwar Jungen oder Mädchen, aber alle unsere Schützlinge sind Individuen mit unterschiedlicher Motivation, Erfahrung und Persönlichkeiten. Das Geschlecht beeinflusst Tendenzen - aber niemals die Fähigkeiten oder das Potenzial.
Und an die Spielerinnen möchte ich appellieren: Girls, habt Freude und Spaß am Wettkampf - auch im Training!