In diesem Beitrag geht es weniger um technische und taktische Inhalte unserer Trainingsarbeit, sondern vielmehr um den Bereich des Coachings bezüglich der Persönlichkeitsweiterentwicklung. Als Grundlage hierfür möchte ich das dynamische Selbstbild in Gegenüberstellung zum statischen Selbstbild nach Carol Dweck nutzen. Carol Dweck ist eine amerikanische Psychologin, die an der Stanford University lehrt und im Bereich des „Growth Mindset“, also des dynamischen Selbstbilds forscht.
Das Prinzip des dynamischen Selbstbilds lässt sich nahezu auf jeden Bereich des Lebens und jede Leistungsstufe unseres Sports übertragen. Im Kontext des Tennis ist es dabei belanglos, ob wir als Trainer:innen nun mit leistungsorientierten Talenten arbeiten, die eine professionelle Karriere im Tennis anvisieren oder aber mit Beginner:innen, die gerade die ersten Schritte auf dem Tennisplatz gehen und diesen wundervollen Sport erlernen.
Als Coaches erleben wir täglich, wie unterschiedlich Spielerinnen und Spieler auf Herausforderungen reagieren. Manche wirken blockiert, andere blühen gerade dann auf, wenn es schwierig wird. Der entscheidende Unterschied liegt häufig nicht ausschließlich in der Technik oder Athletik, sondern in ihrem Selbstbild – also der Frage, ob sie an festgelegte Fähigkeiten glauben oder an kontinuierliche Weiterentwicklung.
Menschen mit einem statischen Selbstbild glauben an die Macht der Veranlagung, sie gehen davon aus, dass menschliche Fähigkeiten in Stein gemeißelt sind. Man ist also entweder talentiert und intelligent oder dumm und unfähig, um es etwas plastisch auszudrücken. Wer ein statisches Selbstbild hat, glaubt nicht, dass man durch Übung beheben kann, was an angeborener Intelligenz oder „Talent“ fehlt. Weil sie Menschen in Schubladen von „gut“ und „schlecht“ stecken, fühlen auch sie sich ständig beurteilt und müssen stets zeigen, dass sie talentiert und klug sind, was zu einem gesteigerten Maß an Druck führt. „Statische“ Menschen suchen ständig nach Wegen ihr Selbstbewusstsein zu schützen und nach permanenter Bestätigung dafür, auch wirklich so toll zu sein, wie sie glauben.
Für Menschen mit einem dynamischen Selbstbild hingegen ist völlig offen, wie weit es jemand im Leben bringen kann. Sie glauben daran, dass sie sich durch Arbeit, Hingabe und Ausdauer ständig weiterentwickeln können. Für sie geht es weniger darum die Spitze zu erreichen und besser zu sein als andere. Dies kommt quasi als Beiprodukt und Resultat ihres Handelns. Sie wollen sich selbst verwirklichen und ihr Wachstumspotenzial durch Anstrengungen ausschöpfen. Dynamisch denkende Menschen üben intensiv und ausdauernd und sehen es als völlig normal an hin und wieder auch zu scheitern. Sie stellen sich gerne Problemen und sehen diese als Herausforderungen, nicht als unüberwindbare Hindernisse.
Wir Coaches sind als Bezugspersonen im sportlichen Bereich von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit und so ist es für uns besonders relevant, unseren Spieler:innen immer wieder aufzuzeigen, wo ihre Qualitäten liegen und wo noch Potenzial für Verbesserung liegt. So können dann gemeinsam Wege ausgearbeitet werden, wie dieses Potenzial freigelegt werden kann. Allzu oft wiegt die Last des Vergleiches mit anderen Spieler:innen schwer auf den Talenten und trübt den Blick. Der Schutz des kurzfristigen Erfolgs kann die langfristige, spielerische Entwicklung und zukünftige Erfolge enorm behindern. Kinder, die mit 11 Jahren alle in Grund und Boden spielen, weil sie den Ball unendlich oft ins Feld spielen können, könnten mit 14 Jahren gegen die mittlerweile körperlich stärkere Konkurrenz schon chancenlos sein. Den Betroffenen darf also früh ein dynamisches Denken beigebracht werden, um das Spiel mit offensiven Fähigkeiten anzureichern, was kurzfristig das ein oder andere Match kosten könnte, aber langfristig die Qualität des eigenen Spiels deutlich steigern würde. Bestes Beispiel ist der Österreicher Dominic Thiem. Als sein Coach Günther Bresnik ihm das offensivere und risikoreichere Spiel beibrachte, gingen diverse Matches gegen Konkurrenten verloren, die er vorher noch leicht für sich entscheiden konnte. Doch Bresnik wusste, dass für das Erreichen der langfristigen sportlichen Ziele eben diese offensiven Fähigkeiten essenziell sein würden und er sollte recht behalten.
Andersrum ist es wichtig, auch den Kids, die in der Entwicklung eventuell etwas hinterher sind, immer wieder ihre Entwicklungsmöglichkeiten aufzuzeigen. So kann in Anlehnung an das eben genannte Beispiel ein Kind von 11 Jahren schon technisch sehr gut aufschlagen und die Vorhand spielen, aber noch nicht die Kraft haben, um diese Skills gegen Gleichaltrige durchzubringen. Je mehr die technischen Fähigkeiten dann durch die körperlichen unterstützt werden, desto stärker können diese Kids die ehemals übermächtige Konkurrenz ins Wanken bringen und in der Folge hinter sich lassen.
Dieses dynamisch denkende Herangehen an sportliche Entwicklung stärkt die individuelle Entfaltung unserer Spieler:innen und nimmt Druck aus kurzfristigem Erfolgsdenken. Und egal in welcher Sportart: die wirklich Großen ihres Fachs haben alle ein dynamisches Selbstbild! Paradebeispiel aus unserem Sport: Novak Djokovic und seine Jagd auf den Thron des alleinigen Grand Slam Rekordchampions. Im Jahr 2021 hatte Djokovic im Finale der US Open gegen Daniil Medvedev erstmals die Gelegenheit, sich an die Spitze dieser Liste vor seine Konkurrenten Federer und Nadal zu setzen. Djokovic erreichte damals nicht annähernd sein Leistungspotenzial und hatte bei einem Seitenwechsel eine Panikattacke, wobei seine Hände so sehr zitterten, dass er kaum in der Lage war zu trinken. Am Ende stand eine 4-6, 4-6, 4-6-Niederlage, die für ihn jedoch als Lehre angenommen wurde und ihm half, sich gezielt weitere mentale Werkzeuge für solche Situationen anzueignen. Wimbledon 2022 sicherte sich Djokovic dann den nächsten Grand Slam Titel und führt seither die Liste als alleiniger Rekordsieger mit 24 Titeln an.
Wir als Coaches können enormen Einfluss auf die Denkweise unserer Schützlinge haben und sollten uns unseres Einflusses auf die Emotionen und Gedanken im Klaren sein. Ich bemühe mich stets meinen Spieler:innen lösungsorientierte Fragen zu stellen (ein „Was war gut und was möchtest du noch besser machen?“ oder „Was ist die Lösung dafür?“ hören meine Jungs und Mädels in jeder Einheit), um sie generell zum Nachdenken zu bringen und weiterführend, nicht nur das Problem zu sehen, sondern die dafür notwendige Lösung auszuarbeiten. Gerade zu Beginn fällt das oft schwer und die Fragen zunächst mit all dem beantwortet, was vermeintlich falsch gelaufen ist, beantwortet. Mit Übung, Hartnäckigkeit und Wiederholungen wird jedoch immer mehr in Lösungen gedacht.
Auch unser Lobverhalten ist von zentraler Bedeutung. Zur Entwicklung eines dynamischen Selbstbilds ist konstantes einsatzorientiertes Lob essenziell. Ein Erfolg, also ein guter Gewinnschlag wird demnach immer mit dem erbrachten Einsatz, also beispielsweise mit der richtigen Beinarbeit und dem korrekten Stand im Treffpunkt, zusammengeführt. Der Glaube an die eigenen Fähigkeiten und die eigene Stärke erwächst aus konstanter Arbeit. Es ist meine tiefe Überzeugung, dass unsere Athlet:innen mit einem dynamischen Selbstbild mit mehr Freude und weniger Angst auf dem Tennisplatz - diese Haltung idealerweise auch auf andere Herausforderungen ihres Lebens übertragen.