Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich zuletzt so mit dem Jetlag zu kämpfen hatte. Am Freitag, den 9. Januar, begann meine Reise, am Samstagabend kam ich in Melbourne an. Erst in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag konnte ich einigermaßen schlafen. Eigentlich hatte ich mit der Zeitverschiebung selten Schwierigkeiten, diesmal war es anders. Einen Geheimtipp gegen Jetlag habe ich nicht. Ich versuche einfach, mich viel zu bewegen und Sport zu machen. 

Immerhin bin ich ständig unterwegs und gut beschäftigt. Mein Tag beginnt mit einer einstündigen Trainingseinheit im Hotel, bevor ich frühstücke. Dann gehe ich zu Fuß rüber auf die Anlage, wo mein Job als Chef-Bundestrainer und Davis Cup-Teamchef losgeht. Während der Turniere möchte ich Kontakt zu den deutschen Spielern und ihren Betreuerteams halten. Das bedeutet: Ich versuche, bei ihren Trainingseinheiten und Matches dabei zu sein, mich mit ihnen auszutauschen und natürlich zu unterstützen, wenn sie meine Hilfe brauchen. 

Das war beispielsweise bei Jan-Lennard Struff und Justin Engel der Fall. Struffis Coach, Markus Wislsperger, betreut parallel Constantin Frantzen und war mit ihm noch in Auckland. Justins Coach, Ulf Fischer, war erkrankt und Justin war allein hier. In solchen Situationen springe ich ein, gehe mit auf den Platz und sage ihnen, wenn mir etwas auffällt – genau wie bei einer Davis Cup-Einheit. 

Natürlich begleite ich auch die Matches der Deutschen. In der Quali ist es leider nicht so gut gelaufen. Justin hatte eine enge Partie gegen den wirklich guten Engländer George Loffhagen. Es ging zweimal in den Tiebreak. Am Ende waren es dann ein, zwei Punkte, die nicht in seine Richtung gegangen sind. Aber so ist das eben im Herrentennis. 

Yannick Hanfmann hatte etwas mehr Glück, als er an dem Tag, an dem er in die Qualifikation starten sollte, spontan ins Hauptfeld nachgerückt ist. Am gleichen Abend noch hatte er eine besondere Einheit gehabt: Er hat mit Jannik Sinner eineinhalb Stunden auf dem Centre Court trainiert. Was mir besonders gut gefallen hat: Yannicks Lockerheit. Er hat sehr, sehr gut gespielt.

Daniel Altmaier kam vom Turnier in Adelaide und hatte am Mittwoch sein erstes Training hier, deshalb habe ich noch nicht viel von ihm gesehen. Aber auch Struffi und Sascha haben sich bislang gut präsentiert.

Michael Kohlmann: "Wir haben machbare Aufgaben vor uns!"

Dementsprechend bin ich positiv gestimmt, wenn ich auf die Auslosung der deutschen Herren schaue. Mein Fazit: Es hat alle ganz gut getroffen und jeder hat eine machbare Aufgabe vor sich – auch wenn es die ein oder andere Herausforderung gibt.

Alexander Zverev

Apropos Herausforderung: Saschas Erstrundengegner, Gabriel Diallo, ist ein sehr gefährlicher Spieler – jung, aufstrebend, mit einigen guten Ergebnissen in den vergangenen Monaten. Das ist mit Sicherheit nicht das leichteste Los.

Jan-Lennard Struff

Struffi trifft auf Kopriva. Meiner Meinung nach und von der Rangliste her ist das ein Duell auf Augenhöhe. Ich denke: eine machbare Aufgabe, gerade auf Hartplatz.

Yannick Hanfmann

Mit Zachary Zvachda hat Yannick einen ganz guten Qualifikanten erwischt, bei dem die Rangliste nicht mit dem übereinstimmt, wie er tatsächlich spielen kann. Aber es ist auch kein Sinner oder Alcaraz! Ich würde sagen, dass Yannick sogar der leichte Favorit ist.

Daniel Altmaier

Marin Cilic ist nach wie vor ein großer Name. Aber ich glaube, die besten Tage von ihm sind ein paar Jahre her. Daniel hat bei den beiden Vorbereitungsturnieren noch nicht so gut gespielt, aber gerade bei einem Grand Slam ist er immer zu großen Leistungen in der Lage. 

 

 

Alles in Allem finde ich, dass alle vier gewinnen können und in ihren Partien die leichten Favoriten sind. Wir sind den großen Namen aus dem Weg gegangen, haben also machbare Aufgaben vor uns.

Selbstverständlich stehe ich auch in engem Austausch mit meinem Kollegen Torben Beltz, dem Chef-Bundestrainer der Damen. Gemeinsam haben wir die Qualifikationsmatches von Justin und Tamara Korpatsch verfolgt. Wenn es passt, frühstücken wir zusammen oder gehen gemeinsam zum Sport oder essen. 

Da bis Sonntag keine Matches stattfinden, liegt der Fokus jetzt auf dem Training der Jungs. Zudem finde ich es spannend, das Training der Top-Leute auf den großen Plätzen zu beobachten und wie sie sich auf so ein Turnier vorbereiten und ihre Trainingseinheiten angehen.

Michael Kohlmann: "Was machen andere Länder? Geht jemand neue Wege?"

Parallel habe ich in Australien immer den Davis Cup im Hinterkopf. Denn in drei Wochen, also gleich im Anschluss an die Australian Open, treffen wir in Düsseldorf auf Peru. Ich gehe zwar hauptsächlich mit den Spielern und ihren Trainern in den Austausch und hole mir Updates, dennoch habe ich gleichzeitig die Gegner im Blick. Die Nummer eins der Peruaner, Igancio Buse, könnte angeschlagen sein. Er hat hier nicht gespielt. Aber das sind Spekulationen. Die Nummer zwei, Gonzalo Bueno, ordentlich gespielt. Ich finde es sehr spannend, die nächsten Gegner in anderen Matches – und nicht beim Davis Cup – zu verfolgen, um sich ein besseres Bild zu machen. Das ist sehr hilf- und aufschlussreich. 

Eine weitere Aufgabe, auf die ich mich ab der zweiten Woche freue: die Junioren. Auf Grand-Slam-Turnieren kann man perfekt vergleichen, wie das Niveau ist, wo es hingeht, und was verbessert werden muss. Ich kann nicht nur die Jugendlichen untereinander analysieren, sondern auch meine Schlüsse zu den Profis oder anderen Nationen ziehen. Was machen die anderen Länder? Geht jemand neue Wege? Dazu spreche ich mit den Verantwortlichen der verschiedenen Nationen – auch wenn man sich nur zufällig beim Mittagessen über den Weg läuft.

Fest steht: Hier ist kein Tag wie der andere, teilweise passieren viele Dinge gleichzeitig und langweilig wird es nie. Zeit und Energie für ein Jetlag habe ich eigentlich nicht. Aber Gott sei Dank ist das jetzt endlich überwunden. 

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