Jan, mit etwas Abstand: Du hast in Wimbledon dein erstes Grand-Slam-Viertelfinale erreicht, mehrere Rekorde aufgestellt und eines der besten Turniere deiner Karriere gespielt. Wie blickst du heute auf diese zwei Wochen zurück?
Jan-Lennard Struff: Natürlich überwiegt die Freude und der Stolz. Mein erstes Grand-Slam-Viertelfinale gespielt zu haben, ist schon etwas Besonderes. Gleichzeitig weiß ich aber auch, wie eng im Profitennis alles zusammenliegt. Ich lag in der ersten und zweiten Runde jeweils im fünften Satz mit einem Break zurück. Da hätte das Turnier genauso gut schon vorbei sein können. Das zeigt einfach, wie Kleinigkeiten am Ende entscheiden. Ich bin froh, dass ich mir diesen Erfolg erarbeitet habe, weiß aber genauso, dass es auch ganz anders hätte laufen können.
Wenn du versuchst, diesen Wimbledon-Lauf zu erklären: Was war aus deiner Sicht der Schlüssel zu diesem Erfolg?
Jan-Lennard Struff: Harte Arbeit und die Erfahrung aus den vergangenen Jahren. Ich war schon viermal im Achtelfinale eines Grand Slams und habe den Sprung ins Viertelfinale nie geschafft. Man lernt aus Niederlagen und entwickelt sich weiter. Irgendwann kommt vielleicht der Moment, an dem sich das alles auszahlt. Diesmal hat vieles zusammengepasst.
Mit 36 Jahren hast du noch einmal ein völlig neues Kapitel deiner Karriere aufgeschlagen. Welche Botschaft steckt für dich persönlich in diesem Wimbledon-Lauf?
Jan-Lennard Struff: Ich glaube schon, dass man daraus mitnehmen kann, dass man nicht zu früh aufgeben sollte. Natürlich wäre es schön gewesen, wenn das alles früher passiert wäre. Aber im Endeffekt entwickelt sich jeder anders. Ich war nie derjenige, der als Junior alles gewonnen hat. Ich musste mir meinen Weg Schritt für Schritt erarbeiten. Deshalb bin ich überzeugt, dass alles zu seiner Zeit kommt und man geduldig bleiben muss.
Vielen Fans ist deine positive Körpersprache aufgefallen. War das ein Schlüssel?
Jan-Lennard Struff: Ja, ich glaube schon. Natürlich klappt das nicht immer perfekt. In der ersten Runde war ich selbst auch frustriert. Aber ich versuche, positiv zu bleiben und mir selbst Energie zu geben. Gerade über fünf Sätze kann das einen Unterschied machen.
Die Terra Wortmann Open gelten seit vielen Jahren als dein Heimturnier. Was macht Halle für dich persönlich zu einem so besonderen Ort?
Jan-Lennard Struff: Halle war für mich immer etwas Besonderes. Natürlich, weil es praktisch mein Heimturnier ist und viele Freunde und Familie da sind. Aber es gibt noch eine Geschichte, die viele gar nicht kennen: Beim letzten Davis Cup in Halle habe ich dort während meiner Schulzeit mein Praktikum gemacht. Ich war damals drei Tage auf der Anlage und habe versucht, möglichst viel mitzunehmen. Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass ich knapp 20 Jahre später vielleicht selbst dort für Deutschland spielen könnte, hätte ich das nie geglaubt. Das zeigt einfach, wie verrückt der Sport manchmal ist.
Am 19. und 20. September trifft Deutschland in Halle auf Kroatien. Die Mannschaft ist noch nicht nominiert. Wie groß ist deine Motivation, dabei zu sein?
Jan-Lennard Struff: Natürlich würde ich unglaublich gerne dabei sein. Aber die Entscheidung trifft Michael Kohlmann und wir haben viele starke Spieler. Ich werde alles dafür tun, mich mit meinen Leistungen anzubieten. Wenn ich nominiert werde, würde ich mich sehr freuen.
Was würde es dir persönlich bedeuten, beim Heimspiel gegen Kroatien in Halle für Deutschland auf dem Platz zu stehen?
Jan-Lennard Struff: Vor heimischem Publikum für Deutschland zu spielen, Familie und Freunde auf der Tribüne zu haben und an einem Ort aufzulaufen, der für mich so viele Erinnerungen bereithält, wäre etwas Besonderes.
Mit Kroatien wartet ein starker Gegner. Worauf wird es ankommen?
Jan-Lennard Struff: Kroatien hat eine starke Mannschaft. Marin Cilic ist ein absoluter Vorbildathlet und mit Dino Prižmić haben sie einen jungen Spieler, der ganz nach vorne kommen wird. Aber auch dahinter verfügen sie über viele gute Spieler und haben zudem ein starkes Doppel. Deshalb werden wir jede Unterstützung brauchen.
Im deutschen Herrentennis rücken viele junge Spieler nach. Wie nimmst du diese Entwicklung wahr?
Jan-Lennard Struff: Sehr positiv. Wir haben einige richtig talentierte Jungs. Ich habe mit einigen auch schon trainiert und finde, dass sie sich sehr gut entwickeln.
Du gehörst inzwischen zu den erfahrensten Spielern im Team. Fragen dich die Jüngeren manchmal um Rat?
Jan-Lennard Struff: Ja, das passiert schon. Ich habe früher selbst viele erfahrene Spieler gefragt und versucht, mir Dinge abzuschauen. Wenn ich heute meine Erfahrungen weitergeben kann und den Jungs damit helfen kann, mache ich das natürlich gerne.
Warum sollten sich Tennisfans den Davis Cup in Halle nicht entgehen lassen?
Jan-Lennard Struff: Ich glaube, jeder, der schon einmal beim Davis Cup war, weiß, was das für eine besondere Atmosphäre ist. Gerade gegen Kroatien werden wir jede Unterstützung brauchen. Wenn die Halle voll ist und alle hinter uns stehen, kann das richtig besonders werden. Deshalb würde ich mich freuen, wenn möglichst viele Fans kommen.