„Heute mit meinen 90 Jahren bin ich immer noch gefragt. – Oh, 91 bin ich jetzt, richtig?“ Walter Betz überlegt kurz. „Naja, egal. Ich kriege immer noch neue Schüler. Dann frage ich: ‚Warum kommt ihr zu so einem alten Mann?‘ Dann sagen sie: ‚Auf Empfehlung.‘“ 

Seit mehr als 79 Jahren steht Walter Betz auf dem Tennisplatz. Angefangen hat alles als Balljunge beim TC Augsburg Siebentisch. „Ich habe die Bälle bei den Spielern aufgelesen – aber nur bei den guten Spielern“, erzählt er grinsend. Immer wieder schnappte er sich deren Schläger und verschwand an die Tenniswand. „Manche dachten schon, ihre Schläger seien weg. Aber dann hieß es: ‚Schaut mal an die Wand – da sind der Hermann und der Walter. Die bringen sie später wieder zurück.‘ Und so war es auch.“ 

Tennis wurde früh zu seinem Lebensmittelpunkt. Für zwei D-Mark die halbe Stunde gab er als Teenager Training. „Meistens gab es noch Würstchen mit Kartoffelsalat und einem Getränk dazu“, erinnert er sich.  

Auch die Widerworte seines Vaters konnten den jungen Walter nicht vom Tennis fernhalten. „Er wollte, dass ich dasitze und lerne – von morgens bis abends. Wenn er gemerkt hat, dass ich auf dem Tennisplatz war, gab es Schläge. Am nächsten Tag war ich trotzdem wieder auf dem Platz.“

Böse sei er seinem Vater deshalb nie gewesen. „Ich habe alles einfach so hingenommen“, sagt Betz. Jahre später habe er ihm einmal gesagt: „Heute verdiene ich damit noch mein Geld – und früher hast du mich dafür geschlagen.“

Walter Betz: Mit einer harten und zugleich weichen Hand für Kinder

Seit 75 Jahren ist Betz nun Mitglied beim TC Tübingen und längst eine Institution im Verein. Er lockt Spielerinnen und Spieler aus einem Umkreis von über 100 Kilometern in den Club. „Ob aus Tonbach, Baiersbronn, Ebingen, Kirchheim-Tek – die Leute kommen von überall her – und ich habe sie nicht hergebracht“, erzählte er im Gespräch mit tennis.de. 

Was also ist sein Geheimnis? „Ich habe eine ziemlich harte und trotzdem weiche Hand mit den Kindern“, sagte er. „Ich habe auch welche rausgeschmissen, wenn sie nur Blödsinn gemacht haben.“ Auch wenn er aktuell mit einem Herpes auf dem Auge zu kämpfen hat und nur eingeschränkt sieht, ist er vom Tennisplatz nicht wegzudenken. „Ich sehe alles. Da wundern sich die Leute. Aber ich moniere auch.“

Entscheidend sei für ihn immer gewesen, dass sich Spielerinnen und Spieler verbessern. „Den anderen geht es mehr darum, dass die Kohle stimmt – und ich gucke, dass das Spiel stimmt“, sagt Betz. Es gehe ihm nicht darum, Stunden „abzusitzen“, sondern den Menschen auf dem Platz wirklich weiterzuhelfen.

Eine Geschichte, die ihm einfällt: „Ich habe Training gegeben. Da lief ein Schüler von mir, acht Jahre alt, mit seinem Kumpel hinter mir vorbei. Er sagte: ‚Das ist mein Trainer.‘ Dann sagt der andere: ‚Was? So ein Alter?‘ Und er reagierte: ‚Der ist aber gut!‘ Wenn das jemand sagt, den man im Training triezt – sagt das doch alles aus, oder?“

Walter Betz im Gespräch mit tennis.de

Walter Betz mit 91 Jahren: Ans Aufhören ist nicht zu denken

Noch kurz vor dem Anruf von tennis.de stand der 91-Jährige auf dem Platz. „Von acht bis neun Uhr habe ich mit jemandem gespielt. Das ist für mich normal. Von der Hitze her war es da auch noch angenehm.“ Morgens eine Stunde, nachmittags eine Stunde. Und am Wochenende sind es gleich vier. Selbst im Urlaub ist Betz aktiv. „Ich gehe nicht an den Strand und liege rum. Ich laufe ein paar Kilometer am Strand – ganz schnell – dann gehe ich heim, trinke einen Espresso, ruhe oder gehe spazieren. Ich brauche das einfach.“

Ans Aufhören denkt Betz nicht – das tat er auch in der Vergangenheit nie. „Ganz im Gegenteil“, beteuert er. „Ich habe von mir aus schon gesagt, wenn ich nicht mehr anerkannt würde, dann würde ich mit Kindern und Anfängern kostenlos Training machen.“

Im Laufe der Jahrzehnte auf den Tennisplätzen begegnete Betz vielen Größen – Boris Becker, Steffi Graf oder Niki Pilic. Viele Namen fallen ihm heute nicht mehr sofort ein. „Eigentlich müsste ich einen Computer auf dem Rücken tragen und jeden einzelnen googlen“, sagt er und lacht. Was er noch weiß: „Ich habe sogar gegen viele von ihnen gespielt, bin auf Turnieren öfter gegen sie gekommen. Man kannte sich persönlich.“

Anders als heute wurde in den Anfangsjahren von Betz’ Karriere noch deutlich weniger Wert auf Trainerausbildungen gelegt. Für ihn selbst war das nie eine Option. „Es gab nicht so viele Trainer, und viele haben es nicht so genau genommen“, sagt er. Er absolvierte seine Trainerausbildung, bildete sich stetig weiter und war später mehr als 20 Jahre in der Ausbildung von Trainerinnen und Trainern beim Württembergischen Tennis-Bund aktiv.

Walter Betz beim Sommerfest

"Wenn du das überwindest, wirst du stärker!"

Warum also steht Walter Betz auch mit 91 Jahren noch fast täglich auf dem Platz? Die Antwort fällt ihm leicht. „Ich brauche das einfach“, sagt er. Tennis sei für ihn nie Arbeit gewesen. „Ich arbeite nicht – ich spiele und habe Freude daran.“ Gerade das hält ihn bis heute beim Sport. Tennis sei ein Spiel, das man lange ausüben könne, eines, das Generationen verbinde. „Man lebt gesund und man hat Freude dabei.“

Vor allem jungen Spielerinnen und Spielern möchte Betz eines mitgeben: Konzentration und Begeisterung. „Du musst intensiv dabei sein, Spiel und Spaß haben – aber trotzdem konzentriert“, sagt er. Lieber weniger spielen, dafür richtig, als „die Bälle nur rumzuschießen“. Fortschritt brauche Geduld. „Es geht nicht immer aufwärts. Es kommt auch mal ein Tal. Aber wenn du das überwindest, wirst du stärker.“

Auch an Trainerinnen und Trainer hat der 91-Jährige eine klare Botschaft: „Mehr intensiv arbeiten und mehr auf den Schüler eingehen“, fordert Betz. Es gehe nicht darum, Stunden abzuspulen, sondern Menschen wirklich besser zu machen. „Der Schüler muss merken: Das bringt mir was.“

Und solange genau das gelingt, dürfte Walter Betz wohl auch weiter dort bleiben, wo er seit fast acht Jahrzehnten steht: auf dem Tennisplatz.

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