Zum dritten Mal in Folge hat sich das deutsche Davis Cup-Team für das Final 8 in Bologna qualifiziert. Nach dem 3:1 gegen Kroatien in Halle blickt Kapitän Michael Kohlmann nicht nur auf ein erfolgreiches Davis Cup-Jahr zurück, sondern vor allem nach vorne: auf das Finalturnier im November und auf eine deutsche Mannschaft, die neben Weltklasse und Erfahrung in den nächsten Jahren auch immer mehr von einer starken, jungen Generation profitieren soll. Im Interview spricht Kohlmann über die besonderen Leistungen von Alexander Zverev, die Entwicklung der nächsten Generation und die Lehren aus den vergangenen Finalturnieren.
Michael, zunächst einmal: Wie fällt dein Fazit zum Davis Cup-Wochenende in Halle aus?
Michael Kohlmann: Durchweg positiv. Wir haben als Mannschaft eine sehr starke, fokussierte Leistung gezeigt. Gerade nach dem 1:1 am ersten Tag war es wichtig, am zweiten Tag mit voller Konzentration weiterzumachen. Auch ich war vor dem Doppel innerlich enorm unter Spannung, aber Kevin und Tim haben dann gegen zwei absolute Weltklassespieler eine herausragende Leistung gezeigt. Und Sascha hat anschließend mit seinem zweiten Sieg den entscheidenden Punkt geholt. Dazu kam die unglaubliche Unterstützung von den Rängen. Für uns war es ein Wochenende, an dem sehr viel zusammengepasst hat und an das wir gern zurückdenken.
Was hat dich besonders beeindruckt?
Kohlmann: Mich haben vor allem zwei Dinge beeindruckt: zum einen, wie Sascha in diesen Tagen mit der gesamten Situation und den Strapazen nach den US Open umgegangen ist. Das ist schon eine besondere Qualität. Er ist gerade erst Grand Slam-Sieger geworden, kommt direkt zum Davis Cup, hat kaum Zeit zum Durchatmen und steht dann gegen einen Spieler auf dem Platz, den er noch nicht kennt und der sehr gutes Tennis spielt. Und trotzdem war er von Beginn an unglaublich ruhig und konzentriert. Er hat sich auf die Aufgabe eingelassen und keinen Moment Nervosität gezeigt. Am zweiten Tag hat er dann noch einmal eine Schippe draufgelegt, deutlich dominanter gespielt und uns mit seiner Leistung zum Sieg geführt. Das zeigt, auf welchem Niveau er inzwischen agiert.
Zum anderen hat mich beeindruckt, wie Kevin und Tim bei 1:1 mit der Drucksituation umgegangen sind. Gegen ein absolutes Top-Doppel waren sie bei ihren Aufschlagspielen unglaublich konstant und haben gerade in den entscheidenden Momenten ihr bestes Tennis gezeigt. Auch das ist eine Qualität, die eine Mannschaft in solchen Spielen braucht.
Deutschland steht nun zum dritten Mal in Folge im Final 8. Was bedeutet diese Konstanz?
Kohlmann: Das ist etwas sehr Besonderes und alles andere als selbstverständlich. Wenn man sich unser Teamanschaut – Sascha, Jan-Lennard, Daniel, Yannick, Kevin und Tim –, dann ist das der Kern dieser Mannschaft. Diese sechs Spieler waren in den vergangenen fünf Jahren viermal bei den Finals dabei. Die Gruppe funktioniert, jeder trägt seinen Teil bei und wir harmonieren sehr gut miteinander. Gleichzeitig geht es in den nächsten Jahren darum, diese Mannschaft Schritt für Schritt weiterzuentwickeln.
Denn von hinten kommt eine neue Generation. Wie wichtig ist das für die Zukunft des Davis Cup-Teams?
Kohlmann: Sehr wichtig. Justin Engel war jetzt schon zweimal als Junger dabei, und das wird in den nächsten Jahren noch mehr werden. Unser Ziel muss es sein, die jungen Spieler zu integrieren und sie zu einem festen Bestandteil dieses Teams zu machen. Dabei geht es aber um eine schrittweise Erneuerung. Wir wollen die Konstanz behalten und gleichzeitig auf lange Sicht das Team erneuern. Ich glaube nicht an einen harten Cut, sondern an eine schleichende Erneuerung: junge Spieler heranführen, ohne Qualität zu verlieren. Das wird die Kunst sein.
Deutschland ist im ATP Next Gen Race (offizielle ATP-Rangliste der besten Spieler unter 20 Jahren) derzeit außergewöhnlich stark vertreten. Was sagt das über die Zukunft aus?
Kohlmann: Diese Entwicklung spricht für uns. Vor vier oder fünf Jahren hatten wir keinen deutschen Spieler unter den ersten 50 im Next Gen Race der ATP. Aktuell stellen wir sechs Spieler unter den ersten 50 und damit mehr als Italien und jede andere Nation. Diese Entwicklung ist unglaublich positiv.
Jetzt kommt es darauf an, diese Spieler bestmöglich zu unterstützen, damit sie den nächsten Schritt machen können. Dazu gehören professionelle Umfelder und die richtige Unterstützung für die nächsten Karriereschritte. Genauso wichtig ist es, Lust und Leidenschaft zu entwickelnund gleichzeitig die Jungs immer wieder auf den Boden zu bringen und sie daran zu erinnern, dass harte Arbeit das Fundament dafür ist.
Was habt ihr aus den vergangenen Finalturnieren gelernt?
Kohlmann: Wir haben aus der Analyse des vergangenen Jahres einige Veränderungen vorgenommen. Wir haben zum Beispiel Dominik Meffert, Trainer von Tim Pütz und Kevin Krawietz, explizit für das Doppel dazugeholt. Das ist für die Vorbereitung sehr wichtig, weil das Doppel bei den Finals eine ganz wichtige Rolle spielt. Da wir Trainer während eines Spieltages aber oft mit anderen Aufgaben gebunden sind, können wir so die bestmögliche Vorbereitung unserer Doppelspieler gewährleisten.
Dazu haben wir mit Cameron Scullard einen zusätzlichen Fitnesstrainer dabei. Und wir haben auch viel Wert auf die Dynamik innerhalb der Mannschaft gelegt. Wenn man gemeinsam Fußball schaut oder Karten spielt, entsteht ein Gemeinschaftsgefühl. Wir waren dadurch in Düsseldorf und Halle noch enger, haben uns auch als Persönlichkeiten besser kennengelernt. Das sind vielleicht Kleinigkeiten, aber auf diesem Niveau können genau diese Kleinigkeiten entscheidend sein.
Im Viertelfinale in Bologna wartet Großbritannien. Wie schätzt du die Aufgabe ein?
Kohlmann: Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Großbritannien hat eine starke Mannschaft und insbesondere im Doppel sehr viel Qualität. Das ist in unserem Format natürlich ein wichtiger Faktor. Wir kennen die Briten aus vergangenen Davis Cup-Begegnungen, und es waren immer enge und intensive Duelle. Wir werden uns sehr detailliert vorbereiten.
Wenn du auf das gesamte Teilnehmerfeld schaust: Wie schwer ist es, einen Favoriten auszumachen?
Kohlmann: Man sieht, dass es überhaupt nicht selbstverständlich ist, sich für dieses Final 8 zu qualifizieren. Argentinien oder die USA sind zum Beispiel nicht dabei, auch Australien fehlt. Es gibt viele starke Tennisnationen, die es nicht nach Bologna geschafft haben. Das zeigt, wie schwer es ist, jedes Jahr konstant dabei zu sein.
Wenn man sich die Ranglistenpositionen anschaut, sticht Italien natürlich heraus. Sie haben dreimal hintereinander gewonnen. Spanien ist in Topbesetzung sehr stark und dahinter liegen Tschechien, Großbritannien, Kanada und wir relativ eng zusammen. Dazu kommen mit Österreich und Südkorea zwei Mannschaften, die auf dem Papier etwas weiter hinten liegen, aber auch nicht zu unterschätzen sind.
Was ist euer Ziel für Bologna?
Kohlmann: Wir fahren nicht nach Bologna, um einfach dabei zu sein. Wir wollen um den Titel spielen. Natürlich müssen wir zunächst das Viertelfinale gewinnen. Aber unser Anspruch ist klar: Wir wollen so weit wie möglich kommen und am Ende die Chance auf den Davis Cup haben.
Was macht dich zuversichtlich, dass Deutschland diesen letzten Schritt schaffen kann?
Kohlmann: Ich glaube, dass uns grundsätzlich nicht sehr viel fehlt. Wir haben die Qualität, wir haben die Erfahrung und wir haben Spieler, die mit Druck umgehen können. Aber du brauchst in dieser Woche auch das Momentum auf deiner Seite und musst in den entscheidenden Momenten deine beste Leistung abrufen.
Und unsere Mischung stimmt: Wir haben mit Sascha einen Spieler, der gerade der beste Spieler der Welt ist. Wir haben mit Kevin und Tim ein Doppel, das auf höchstem Niveau abliefert. Dahinter haben wir Spieler, die um ihre Plätze kämpfen und den Konkurrenzkampf hochhalten. Und gleichzeitig kommt von hinten eine junge Generation nach. Diese Kombination gibt uns sehr viele Möglichkeiten.
Wenn du drei oder vier Jahre nach vorne blickst: Wie sieht deutsches Herrentennis dann aus?
Kohlmann: Natürlich weiß niemand, wie sich einzelne Karrieren entwickeln. Aber wir haben aktuell eine außergewöhnlich interessante Mischung aus Erfahrung, Weltklasse und jungen Spielern mit viel Potenzial. Unser Ziel muss sein, diese Spieler bestmöglich zu entwickeln und ihnen den Weg auf die große Bühne zu ermöglichen. Wenn uns das gelingt, haben wir auch langfristig eine sehr starke Basis für den Davis Cup. Wir haben uns in den vergangenen Jahren durch harte Arbeit wieder dauerhaft unter den besten Tennisnationen etabliert. Und ich glaube, dass wir noch nicht am Ende unserer Entwicklung angekommen sind.