Laura, wie geht es dir gerade?

Mir geht es sehr gut. Es ist natürlich eine Veränderung für mich, so viel zu Hause zu sein. Aber ich genieße es, den Sommer zu Hause zu verbringen und Zeit mit meiner Familie und meinen Freunden zu haben. Das ist eine sehr schöne Abwechslung.

Wie sehen deine Tage momentan aus? Lebst du in den Tag hinein oder brauchst du weiterhin einen festen Ablauf?

Ein bisschen von beidem. Durch den Leistungssport und so wie ich ticke, brauche ich Struktur. Wenn sie mir niemand vorgibt, schaffe ich sie mir selbst. Gleichzeitig versuche ich, die Dinge bewusst lockerer anzugehen – das fällt mir allerdings eher schwer.  

Ich halte mich fit, mache viel Reha und gehe die körperlichen Themen an, die sich in den vergangenen Jahren angesammelt haben. Der entscheidende Unterschied ist, dass ich das Training jetzt ganz auf meinen Körper abstimmen kann und ihn nicht regelmäßig überstrapazieren brauche.

Wofür hast du während deiner Auszeit wieder mehr Freiraum?

Ich kann mir mehr Zeit für ganz gezieltes Training nehmen, ohne dass ständig das nächste Match ansteht. Gleichzeitig habe ich mehr Freiraum, Neues auszuprobieren und mehr Abwechslung sowie Freude reinzubringen.

Während des Touralltags war alles auf das nächste Match oder das nächste Turnier ausgerichtet. Für Abwechslung blieb da wenig Raum. Ich konnte es mir nicht leisten, Neues auszuprobieren und damit zu riskieren, dass mein Körper schlecht reagiert, neue Probleme entstehen oder alte Themen wiederkommen. Deshalb habe ich mich nur noch auf gewohntem Terrain bewegen können. Jetzt kann ich weniger Tennis spielen und dafür andere Bereiche intensiver und auch abwechslungsreicher gestalten. Ich merke, dass sich meine körperlichen Beschwerden dadurch verbessern. Und diese Abwechslung weckt ganz neue Lebensgeister in mir. 

 

 

Ganz hast du den Tennisschläger aber nicht zur Seite gelegt, oder?

Nein, darum geht es bei der Auszeit auch nicht. Ich möchte im Schlag und körperlich fit bleiben, beziehungsweise es wieder werden. Außerdem macht es mir einfach Spaß, Tennis zu spielen. Ich stehe ungefähr zwei- bis dreimal pro Woche auf dem Platz. 

Auch wenn du die freie Zeit genießt. Was vermisst du am Tourleben am meisten?

Am meisten vermisse ich die Gefühle und Emotionen auf dem Platz. Diese Mischung aus Nervosität, Konzentration, Kampf und dem Gefühl, über die eigenen Grenzen hinauszugehen, findest du nirgendwo sonst. Das ist fast wie eine Droge. Auch die Atmosphäre auf großen Plätzen, die Interaktion mit dem Publikum und die Emotionen, die da entstehen, fehlen mir schon sehr. Den eigentlichen Touralltag mit den vielen Reisen, den Flughäfen, dem Koffer Ein- und wieder Auspacken und den langen Wartezeiten vermisse ich hingegen überhaupt nicht. 

Wenn du aktuell die Turniere verfolgst, zuletzt zum Beispiel die US Open: Wärst du gerne dabei?

Wenn man die Matches schaut, wäre man natürlich gerne dabei. Aber ich weiß, welchen Aufwand ich in den vergangenen Wochen und Monaten betreiben musste, um körperlich noch auf diesem Niveau durchzuhalten. Ich habe mich bewusst dazu entschieden, eine Auszeit zu nehmen, dann muss ich im Umkehrschluss auch akzeptieren, dass ich zu Hause auf der Couch sitze und nur zuschaue.  

Bist du stolz darauf, diese Entscheidung getroffen zu haben?

Ich bin stolz, dass ich konsequent war und auf mich gehört habe. Die Entscheidung war extrem schwierig, ich habe lange damit gerungen, ob, wann und wie ich zumindest eine Zeit lang einen Schritt zurücktreten kann. Das hat sich über Monate entwickelt.  

Es gab also nicht den einen konkreten Auslöser?

Nein, es war ein schleichender Prozess. Ich bin eine Kämpferin. Ich bin niemand, der schnell aufgibt und sagt: Jetzt geht es nicht mehr. Irgendwann ist aber das Verhältnis zwischen Freude, Pflichtbewusstsein und dem ständigen Kämpfen und Kompensieren irgendwie gekippt. 

Ich bin über einen längeren Zeitraum an körperliche Grenzen gekommen und wollte so nicht weitermachen. Daraus entstehen natürlich auch mentale Belastungen. Wenn du jeden Morgen aufstehst und wieder etwas anderes wehtut, deine Vorbereitungen regelmäßig eingeschränkt sind und du in den allermeisten Fällen spielerisch improvisieren musst, macht es irgendwann weniger Spaß.

Immer mehr Spielerinnen und Spieler legen Pausen ein. Hat sich der Umgang mit der körperlichen und mentalen Gesundheit im Profitennis positiv verändert? 

Ich glaube schon. Wenn jemand einige Monate aussetzt und anschließend erfolgreich zurückkehrt, sehen andere, dass eine Pause funktionieren und einen positiven Effekt haben kann. Ähnlich war es bei Spielerinnen, die nach einer Schwangerschaft wieder auf die Tour zurückgekehrt sind. Einige konnten wieder zum gleichen Niveau wie vor der Auszeit zurückkehren, es teilweise sogar übertreffen. Dadurch haben sich weitere Spielerinnen diesen Schritt zugetraut. 

In deinem Buch „Wild Card: Herausforderungen mental meistern“ beschäftigst du dich ebenfalls mit den Herausforderungen des Leistungssports. Kann eine Auszeit eine mögliche Lösung sein? 

Absolut, und zwar nicht erst dann, wenn gar nichts mehr geht. Die beste Leistung kann man abrufen, wenn man mit sich im Reinen ist. Wer in einem Bereich außergewöhnlich erfolgreich sein möchte, muss sehr hart arbeiten. Man muss bereit sein, mehr zu investieren als andere. Gleichzeitig darf man aber nicht aus dem Blick verlieren, wie es einem damit innerlich geht. 

Die Herausforderung besteht darin, die notwendige harte Arbeit mit den eigenen Bedürfnissen in Einklang zu bringen. Eine Auszeit kann helfen, zur Ruhe zu kommen und zu reflektieren, wohin der bisherige Weg geführt hat und wie er weitergehen soll. Genau mit diesen unterschiedlichen Stressfaktoren und den übertragbaren Erfahrungen aus dem Leistungssport beschäftigt sich auch mein Buch.

Wild Card: Herausforderungen mental meistern

Laura Siegemund gibt Einblicke in ihre psychischen Extremsituationen und deren Komplexität. 

Du hast bisher offengelassen, wie lange deine Auszeit dauern wird. Gibt es bereits eine Vorstellung, wann du auf die Tour zurückkehren möchtest?

Nein, ich habe das bewusst komplett offengelassen. Ich weiß selbst nicht genau, was passieren wird. Ich möchte in mich hineinspüren und beobachten, wie sich die körperlichen Themen entwickeln. Das wird entscheidend dafür sein, ob und wann eine Rückkehr auf die Tour sinnvoll ist. 

Du gehst also nicht zwingend davon aus, auf die Tour zurückzukehren?

Ich lasse mir alle Möglichkeiten offen. Vielleicht merke ich, dass mir andere Bereiche sehr viel Freude bereiten und das Tourleben immer weiter in die Ferne rückt. Es kann auch sein, dass ich meinen Körper nicht mehr auf das notwendige Niveau bekomme und das akzeptieren muss. Genauso gut ist aber das Gegenteil möglich: Vielleicht geht es mir körperlich wieder hervorragend, ich kann gut trainieren und merke gleichzeitig, wie sehr mir die Tour fehlt.  

Warum war es dir so wichtig, dieses Mal ohne einen konkreten Zeitplan in die Pause zu gehen?

Ich hatte bereits längere Pausen, in denen ich mich ausschließlich auf die körperliche Rehabilitation konzentriert habe. Im vergangenen Winter waren das etwa drei Monate. Dieses Mal wollte ich bewusst ohne Termin aussteigen. Ich möchte den Stress vermeiden, zu einem bestimmten Zeitpunkt wieder funktionieren zu müssen. Außerdem will ich mir erlauben, in andere Bereiche hineinzuschnuppern und herauszufinden, ob mir andere Tätigkeiten vielleicht auch Freude bereiten – und so schon mal etwas vorausschauend an die Zukunft zu denken.

Welche Tätigkeiten können das sein? Während der US Open warst du beispielsweise als Expertin bei Sky im Einsatz.

Mein grundsätzliches Portfolio ist relativ klar: Ich habe lange professionell Tennis gespielt und Psychologie studiert. Ich weiß also, welche Kompetenzen ich mitbringe. Die Psychologie, auch die Sportpsychologie, war und ist schon immer meine Passion. Ich arbeite zum Teil bereits mit Athleten und Unternehmen und möchte diesen Bereich in der Zukunft gerne weiter ausbauen. Trotzdem möchte ich gerade auch offen für Dinge sein, mit denen ich bisher nicht gerechnet habe.

Manchmal entstehen die besten Möglichkeiten völlig unerwartet. Plötzlich probiert man etwas aus und merkt: Das macht mir große Freude und darin bin ich gut. Wenn man bereits alles bis ins Detail geplant hat, fehlt möglicherweise die Offenheit für genau solche Chancen. Deshalb möchte ich im Moment bewusst schauen, wohin mich dieser Weg führt. 

Vielen Dank für das Gespräch, Laura!

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