Øivind, du hast in deiner Karriere mit vielen Weltklassespielern gearbeitet, unter anderem seit mehr als zehn Jahren mit Casper Ruud. Was hast du von diesen Spielern gelernt, das jeder Coach – unabhängig von seinem Niveau – in seine tägliche Arbeit mitnehmen kann?

Ich glaube, was mir die Arbeit mit Topspielern – auch mit Spielern aus den Top 5 der Welt – vor allem gezeigt hat, ist, dass sie immer bereit sind, Dinge zu verändern. Sie sind neugierig.

In den vergangenen 15 Jahren habe ich viel daran gearbeitet, Coaches dabei zu helfen, Prioritäten zu setzen und Dinge zu finden, die sie mit ihren Spielern täglich auf dem Tennisplatz umsetzen können. Dabei geht es nicht darum, ständig große Veränderungen vorzunehmen. Gerade bei Casper habe ich gelernt, dass kleine Veränderungen im Alltag einen Spieler über die Jahre sehr gut machen können.

Zu oft sehe ich Spieler, die sich verbessern wollen, aber gleichzeitig nichts verändern möchten. Sie sagen zum Beispiel: „Ich möchte meine Vorhand verbessern, aber ich möchte sonst nichts verändern.“ Aber: Lernen bedeutet Veränderung.

Die besten Spieler arbeiten immer an Details. Sie versuchen, auch an ihren Schwächen zu arbeiten, anstatt sie einfach zu akzeptieren. Das ist eine Haltung, die jeder Coach fördern kann.

Du arbeitest seit mehr als 40 Jahren im Tennis. Wie hat sich Coaching in dieser Zeit verändert?

Als ich mit Tennis angefangen habe, ging es viel stärker darum, das Spiel zu spielen. Dann hat sich die Tennisindustrie entwickelt und Tennis wurde zunehmend zu „Tennis Instruction“ – also zu einem sehr anweisungsorientierten Ansatz.

Ich glaube, dass wir gerade wieder zu einem anderen Verständnis von Coaching zurückkehren. Der Game Based Approach und verschiedene andere Methoden haben uns eine neue Perspektive darauf gegeben, was Coaching eigentlich bedeutet.

Coaching bedeutet für mich nicht, dem Spieler bei jedem Schlag zu sagen, was er tun soll. Es geht vielmehr darum, ihn auf bestimmte Dinge aufmerksam zu machen, damit er sich selbst coachen kann.

Durch die Technologie werden Spieler zunehmend unabhängiger. Sie können selbst reflektieren und Entscheidungen treffen. Ich glaube, dass wir uns genau in diese Richtung bewegen: Wir müssen Spieler dabei unterstützen, mehr Verantwortung für ihre eigene Entwicklung zu übernehmen.

Tennis ist ein Open-Skill-Sport. Fitness, mentale Stärke und Technik sind wichtig. Aber Tennis zu spielen bedeutet vor allem, Entscheidungen zu treffen. Das ist der schwierigste Teil des Spiels.

Deshalb wird Coaching meiner Meinung nach immer stärker zu einer Teamleistung. Es geht nicht mehr nur darum, dass ein Coach einem Spieler sagt, was er tun soll. Wir bauen ein Team um den Spieler auf und geben ihm damit die Möglichkeit, Verantwortung für seine eigene Entwicklung und seine Zukunft zu übernehmen.

Deine Präsentation beim DTB Tenniskongress beschäftigt sich mit individualisierter Spielerentwicklung. Was bedeutet Individualisierung für dich konkret?

Die Zeit ist vorbei, in der man sagen konnte: „So machen wir das hier.“ Das gilt für ein Land genauso wie für eine Akademie oder einen Verein.

Wir brauchen eine grundsätzliche Philosophie, müssen aber gleichzeitig flexibel genug sein, um uns an unterschiedliche Lerntypen anzupassen. Wenn ein Spieler mehr Erklärungen braucht, müssen wir mehr erklären. Wenn ein anderer etwas eher selbst ausprobieren und über Bewegung erfahren muss, müssen wir ihm diese Möglichkeit geben.

Wir müssen den Spieler in den Mittelpunkt stellen und unterschiedliche Werkzeuge für unterschiedliche Spieler und unterschiedliche Aspekte des Spiels einsetzen.

Manchmal geht es um Taktik oder Matchanalyse. Dann lässt man den Spieler spielen und analysiert anschließend gemeinsam seine Leistung. In einem Team kann auch ein Fitnesscoach bestimmte Aufgaben übernehmen.

Entscheidend ist für mich: Nicht der Spieler sollte sich an den Coach anpassen. Der Coach muss sein Coaching an den Spieler anpassen.

In meiner Arbeit geht es deshalb auch stark um einen faktenbasierten Ansatz. Wir sehen beispielsweise anhand von Statistiken oder Testergebnissen bestimmte Symptome. Dann müssen wir eine Diagnose stellen und herausfinden: Was braucht dieser Spieler jetzt ganz konkret?

Das nenne ich „fact-based training“.

Wenn wir Casper Ruud als Beispiel nehmen: Was hat ihn aus deiner Sicht besonders gemacht?

Ich glaube, dass Casper schon sehr früh ein extrem neugieriger Spieler war. Das Coachingteam, der Fitnesscoach, der Tenniscoach und sein Vater haben ihm unterschiedliche Aufgaben gegeben. Und wenn er diese erledigt hatte, wollte er mehr Dinge, an denen er arbeiten konnte.

Er war sehr systematisch und vor allem sehr interessiert an den kleinen Dingen, die er anders machen konnte.

Wenn man ihn gefragt hat, warum er besser geworden ist als andere, hat er häufig gesagt: „Because I was more interested.“

Ich habe außerdem 2008 viel von Kim Clijsters gelernt: Topspieler wollen nicht ständig sehen, was sie falsch machen. Sie wollen lieber sehen, was sie richtig machen.

Das haben wir auch mit Casper gemacht. Wir haben ihm gezeigt, was er gut macht. Und manchmal hat er selbst gefragt: „Kannst du mir zeigen, wenn ich es nicht richtig mache?“

Er wurde also durch positive Verstärkung neugierig gemacht. Ich glaube, genau diese Neugier müssen wir auch bei der neuen Generation fördern. Wir sollten ihnen zeigen, was sie können, und dadurch erreichen, dass sie selbst Fragen stellen und mehr wissen wollen.

Der Begriff „Game Style“ wird im modernen Tennis immer wichtiger. Was bedeutet er für dich?

Am Anfang steht das Verständnis des Spiels. Wenn du verlierst, liegt es letztlich daran, dass du mehr Fehler machst als dein Gegner. Das ist die grundlegende Erkenntnis.

Der Spielstil muss meiner Meinung nach mit der Persönlichkeit eines Spielers verbunden sein. Wenn du sehr geduldig bist, kannst du nicht einfach versuchen, ein ungeduldiger Spieler zu sein. Und wenn du von Natur aus ungeduldig bist, kannst du nicht erwarten, dass du plötzlich nur noch lange Rallyes spielen wirst.

Natürlich brauchst du eine Basis. Aber darüber hinaus müssen wir individuelle X-Faktoren entwickeln.

Bei Casper war beispielsweise seine enorme Vorhandrotation schon als Junior ein solcher X-Faktor. Dazu kommen weitere Faktoren: ein guter Aufschlag, eine sehr gute Beinarbeit oder mentale Stärke, damit man in schwierigen Situationen nicht auseinanderbricht.

Man baut den Spielstil also auf der Persönlichkeit des Spielers auf und versucht gleichzeitig, bestimmte X-Faktoren zu entwickeln.

Dabei können uns heute Fakten und Technologie helfen. Mit Kameras und KI-Systemen können wir beispielsweise erkennen, was in bestimmten Matchsituationen passiert. Die Systeme sind vielleicht noch nicht perfekt, aber sie sind präzise genug, um Feedback darüber zu geben, was während eines Matches passiert ist.

Für mich beginnt die Arbeit deshalb immer mit dem Match. Was passiert mit diesem Spieler? Was sind die Prioritäten? Was braucht er jetzt? Was kann warten? Und woran müssen wir vielleicht erst im nächsten Jahr arbeiten?

Welche Rolle spielt Technologie im modernen Coaching?

Ich glaube, Technologie wird uns immer mehr helfen. Manche Coaches haben momentan vielleicht Angst und denken: „Oh mein Gott, wird die Technologie irgendwann meinen Job übernehmen?“ Das wird meiner Meinung nach nicht passieren.

Technologie liefert uns zusätzliche Informationen und ermöglicht es uns, präziser zu arbeiten. Wir können Dinge sehen, die wir vorher vielleicht nicht gesehen haben, und dadurch genauer arbeiten.

Es ist ein bisschen wie bei einem Arzt: Wenn er Testergebnisse bekommt, kann er seine Behandlung präziser auf den Patienten abstimmen. Genauso bekommt ein Tenniscoach durch Technologie zusätzliches Feedback und kann dadurch genauer arbeiten.

Ich glaube allerdings, dass Tennis bei der Nutzung von Technologie im Vergleich zu anderen Sportarten noch etwas hinterherhinkt. Ich hoffe deshalb, dass die nächste Generation von Coaches die Möglichkeiten stärker nutzt.

Genau das möchte ich auch in München zeigen: dass schon einfache Dinge einen großen Unterschied in der täglichen Arbeit machen können.

Man muss dafür nicht unbedingt ein Technologieexperte sein. Manchmal reichen ein Blatt Papier und ein paar gute Entscheidungen.

Was können die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei deinem Vortrag in München konkret erwarten?

Ich möchte versuchen, die Dinge sehr einfach zu erklären. Ich möchte, dass die Coaches nach meinem Vortrag sagen: „Das werde ich machen.“

Wir können Fakten auf den Tisch legen und daraus die richtigen Prioritäten ableiten. Dann geht es darum, den Spieler neugierig zu machen: Was kann ich tun? Was ist die Nummer eins? Was kann warten?

Ich möchte zeigen, wie wir interdisziplinär arbeiten. Wir setzen beispielsweise unterschiedliche Personen zusammen und fragen: Was seht ihr bei diesem Spieler? Was sieht der Mentalcoach? Was sieht der Fitnesscoach? Was sieht der Tenniscoach?

Wenn man das regelmäßig macht, bekommt man wahrscheinlich eine sehr gute Antwort darauf, was der Spieler tatsächlich braucht.

Zum Abschluss die große Frage: Was macht für dich einen wirklich guten Tenniscoach aus?

Zunächst einmal braucht es Energie. Du gehst auf den Platz und denkst: „Mein Gott, ich freue mich darauf, die nächsten fünf, sechs oder sieben Stunden hier zu verbringen.“ Diese Energie musst du mitbringen.

Dazu kommen die Fähigkeit zuzuhören und den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Und natürlich die Neugier: Was kann ich tun, damit dieser Mensch lernt?

Wenn du den Platz verlässt und dein Spieler etwas Neues gelernt hat, bewusster geworden ist und motivierter ist, dann bist du ein guter Coach.

Ich glaube, wir haben sehr viele gute Coaches im Tennis. Und diejenigen, die lange in diesem Beruf bleiben, bekommen auch viel von ihren Spielern zurück. Dieses Feedback entsteht, weil du Energie investierst und wirklich alles dafür tust, dass deine Spieler lernen.

Und dabei spielt es keine Rolle, auf welchem Niveau du coachst.

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