Das Turnier am Rothenbaum hat für mich als Norddeutscher einen ganz besonderen Stellenwert. Als Jugendlicher bin ich mit dem Bus vom Tennisverein in Itzehoe nach Hamburg gefahren, um Weltklasse-Tennis live zu erleben. Heute als Bundestrainer hier zu sein, fühlt sich deshalb immer noch besonders an. Aber nicht nur für mich ist das Turnier eine Herzensangelegenheit. Auch unseren Spielerinnen stand am Rothenbaum eine besondere Turnierwoche bevor.

Bereits einige Tage vor Turnierbeginn waren wir vor Ort, denn wir haben einen dreitägigen Lehrgang mit den Spielerinnen durchgeführt. Die Mädels waren in der Woche zuvor noch auf verschiedenen Turnieren unterwegs. Noma Noha Akugue kam beispielsweise aus Rom zurück, Nastasja Schunk sogar direkt mit einem Titel vom ITF-W50 in Darmstadt. Deshalb sind nach und nach alle eingetrudelt.

Über mehrere Tage hinweg haben meine Kollegin Jasmin Wöhr und ich die Spielerinnen auf das Turnier vorbereitet. Natürlich haben wir viel trainiert, aber auch die gemeinsame Zeit abseits des Platzes ist wertvoll. Wir haben zusammen Mittag oder Abend gegessen, Karten gespielt und uns einfach ausgetauscht. Weil wir uns nicht jede Woche sehen, stärken solche Tage den Teamgeist.

Meine Tage beginnen hier meist morgens um acht Uhr mit dem ersten Training und enden oft erst, wenn es dunkel wird. Gemeinsam mit Jasmin bereite ich die Spielerinnen auf ihre Matches vor. Diejenigen, die ohne Heimtrainer angereist sind, betreuen wir natürlich besonders intensiv. Wir begleiten sie im Training, analysieren die Gegnerinnen und geben unsere Erfahrungen weiter. Viele Spielerinnen kenne ich noch aus meiner Zeit auf der WTA-Tour, kenne ihre Stärken und Schwächen und kann unsere Mädels entsprechend vorbereiten. Mindestens genauso wichtig ist es uns aber, eine positive Atmosphäre zu schaffen. 

Zehn unserer Spielerinnen sind hier in der Qualifikation und im Hauptfeld gestartet, alle acht Wildcards gingen an deutsche Spielerinnen. Es ist wirklich toll, dass Turnierdirektorin Sandra Reichel uns diese Möglichkeit gibt. Genau solche Turniere können Karrieren verändern. Für die Mädels ist ein Event auf diesem Niveau eine riesige Chance – nicht nur, weil sie wichtige Weltranglistenpunkte und Preisgeld sammeln können. Viele schnuppern hier zum ersten Mal WTA-Luft, messen sich mit etablierten Spielerinnen und sammeln Erfahrungen, die auf der ITF-Tour kaum möglich sind.

Julia Stusek (Deutschland)Hamburg, 20.07.2026, Tennis, WTA 250, MSC Hamburg Ladies Open 2026, Damen, Einzel

Torben Beltz: „Deshalb sind solche Turniere wertvoll“

Julia Stusek und Victoria Brand sind beispielsweise sonst überwiegend auf der ITF-Tour unterwegs. Ein Turnier wie dieses kann deshalb schnell zum Sprungbrett werden. Julia hat ihre Wildcard eindrucksvoll genutzt und gleich in der ersten Runde gegen Nadia Podoroska, eine ehemalige Top-40-Spielerin und Roland-Garros-Halbfinalistin, gewonnen. Ein Sieg wie dieser bringt enorm viel Selbstvertrauen – und zeigt vor allem, dass der Abstand nach oben oft kleiner ist, als viele denken.

Für unsere Talente ist es wichtig, dass sie merken, dass ihre tägliche Arbeit im Training belohnt wird. Sie sollen das Gefühl bekommen: „Hey, die anderen kochen auch nur mit Wasser.“

Viele Jahre war ich als Coach auf der WTA-Tour unterwegs. Was mir in dieser Zeit besonders aufgefallen ist: Das Tennis ist insgesamt noch athletischer geworden. Wer heute erfolgreich sein möchte, muss körperlich topfit sein, viel Power mitbringen – und auch mental bereit sein, auf höchstem Niveau zu bestehen.

Genau deshalb sind Turniere wie der Rothenbaum so wertvoll. Unsere Spielerinnen sollen möglichst viel aufsaugen, sich mit internationalen Spielerinnen zum Training verabreden, neue Trainingspartner finden und beobachten, wie die Topspielerinnen arbeiten. Wie sie trainieren, wie sie sich vorbereiten, wie sie auftreten – all das sind Eindrücke, aus denen man unglaublich viel mitnehmen kann. Und im besten Fall nehmen sie genau dieses Selbstvertrauen und diese Erfahrungen mit zu den nächsten Turnieren. Denn manchmal reicht schon eine Woche auf diesem Niveau, um den nächsten Entwicklungsschritt zu machen.

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