Herr Spreckels, Sie haben ein Buch über mentale Stärke im Tennis geschrieben. Spielen Sie selbst eigentlich auch Tennis?

Ja, seit ich acht Jahre alt bin. Und auch heute noch aktiv und mit derselben Begeisterung. Da kommen inzwischen über 50 Jahre zusammen.

Was fasziniert Sie nach so vielen Jahren noch an diesem Sport?

Als Dozent für Rückschlagspiele spiele ich mit meinen Studierenden an der Uni Hamburg auch viele verwandte Sportarten wie Badminton, Padel oder Teqball. Tennis ist für mich aber die Königin. Weil es technisch, taktisch und mental so vielseitig und anspruchsvoll ist. Nicht zuletzt durch seine unvergleichliche Zählweise.

Der Titel Ihres neuen Buches lautet „Tennis ist Kopfsache“. Warum ist gerade im Tennis die mentale Komponente so entscheidend?

Weil wir permanent mit uns selbst beschäftigt sind und auf dem Platz völlig allein klarkommen müssen. Es kann in einem Match unglaublich viele emotionale Schwankungen geben: Deine Schläge kommen anfangs womöglich nicht so, wie du es aus dem Training kennst. Oder du führst klar, doch dann kommt der Gegner zurück. Oder du liegst hinten, kämpfst dich ran und plötzlich wird es wieder eng und du bekommst plötzlich Angst, Zurückgewonnenes doch wieder zu verlieren. Solche Situationen können im Sport eine Achterbahnfahrt an Gedanken und Emotionen auslösen. Und im Tennis ganz besonders. Anders als im Mannschaftssport gibt es niemanden, der dich auffängt. Außer dir selbst. Du musst dein größter Helfer werden, statt dein schärfster Kritiker zu sein. Du musst dich regulieren, mit Druck umgehen und den passenden Zugang zu dir finden. Genau das macht die mentale Komponente so entscheidend. Und für viele zur größten Herausforderung.

Viele Spieler kennen das: Im Training läuft alles super und im Match plötzlich gar nichts mehr. Woran liegt das?

Das hat viel mit Erwartungshaltung zu tun. Im Wettkampf kommt automatisch Anspannung dazu. Das ist völlig normal. Viele wollen diese Anspannung aber verdrängen, statt sie zu akzeptieren und mit ihr umzugehen. Dazu kommt: Im Training ist die Fehlertoleranz höher. Im Match denkt man plötzlich „Ich darf keinen Fehler machen. Und schon gar nicht in einer engen Situation“. Und genau dann passiert es. Man rutscht in einen Fehlervermeidungsmodus und zieht sich runter statt hoch, wird schlechter statt besser.

Was unterscheidet mental starke von weniger stabilen Spielern?

Mentale Stärke bedeutet nicht, perfekt zu spielen. Sondern: das eigene Leistungsniveau möglichst stabil abzurufen, auch unter Druck. Wir arbeiten da oft mit einer Skala von 1 bis 10. Viele gehen mit dem Anspruch ins Match, eine 10 spielen zu müssen. Und wenn sie merken, das klappt nicht, sind sie schnell frustriert. Mental starke Spieler sagen: Eine 8 ist schon gut und hilft mir, dabei zu bleiben, auch wirklich mein Spiel zu spielen. Und wenn es mehr wird, umso besser. Dadurch kommen sie eher in ihr Spiel. Und können sich nach oben in ihrer Leistung überraschen.

Wie schafft man es, gerade in Drucksituationen – etwa bei Breakball gegen sich – die Leichtigkeit zu bewahren?

Das ist sehr individuell. Entscheidend ist, dass man die eigene Persönlichkeit kennt, authentisch ist und sich treu bleibt. Wir messen zu Beginn bestimmte zentrale Ausprägungen und führen tiefgreifende Gespräche. Was braucht jemand und was nicht? Darauf bauen wir auf. Es gibt unterschiedliche Motive, die Menschen antreiben: Leistung, Macht, Beziehung oder Autonomie. Ein Spieler, der stark leistungsorientiert ist, motiviert sich anders als jemand, der sich über Dominanz definiert. Damit befasse ich mich auch zentral in meinem Buch. Wenn ich versuche, eine Rolle zu spielen, die gar nicht zu mir passt, entsteht ein innerer Konflikt und das blockiert mich. Deshalb ist Authentizität so wichtig.

Sie analysieren in Ihrem Buch unter anderem Topspieler:innen wie Carlos Alcaras, Serena Williams oder Roger Federer. Was können Freizeitspieler konkret von ihnen lernen?

Zum einen: sich selbst besser zu verstehen. Die Topspieler wissen, was sie motiviert und auch, was sie stresst und wie sie entsprechend in Situationen mit sich umgehen. In engen Situationen sein individuelles Motiv zu befriedigen, setzt Energie in die leistungsförderliche Richtung frei. Zum anderen gibt es universelle Dinge wie eine positive, lösungsorientierte Denkweise oder der Umgang mit sich selbst. Wer sich ständig sagt „Mach bloß keinen Fehler“, blockiert sich. Wer dagegen positiv mit sich spricht, spielt freier.

Stichwort Selbstgespräch: Wie wichtig ist der innere Dialog auf dem Platz?

Extrem wichtig. Unsere Gedanken beeinflussen direkt unsere Leistung. Studien zeigen sogar: Positive Selbstgespräche verbessern die Reaktionszeit. Das Entscheidende ist aber, dass diese Gedanken zu einem passen. Es bringt nichts, sich irgendwelche Mantras zu sagen, die sich nicht authentisch anfühlen.

Viele Spieler setzen sich bewusst niedrigere Erwartungen, um Enttäuschungen zu vermeiden. Ist das sinnvoll?

Das ist wenig ratsam. Das reduziert das Vertrauen in die eigene Leistung. Ziele sollten realistisch, aber auch herausfordernd und eher Inhalts- als Ergebnisziele sein. So entsteht die beste Chance, in den sogenannten Flow-Zustand zu kommen, also genau in diesen Bereich, in dem die Anforderung und die Fähigkeiten optimal zusammenpassen.

Welche Rolle spielen Eltern bei der mentalen Entwicklung ihrer Kinder?

Eine sehr große. Deshalb beziehen wir Eltern immer aktiv mit ein. Das Wichtigste: Die Zuneigung darf nicht an Leistung gekoppelt sein. Wenn Kinder das Gefühl haben, nur geliebt zu werden, wenn sie gewinnen, entsteht enormer Druck. Oder wenn sie Angst haben, zu enttäuschen. Hilfreich ist auch, klare Absprachen zu treffen: Wann sprechen wir über ein Match? Was tut dem Kind gut und was nicht?

Ab wann sollte man im Tennis mit Mentaltraining beginnen?

Sobald Kinder anfangen, Turniere zu spielen. Und zwar altersgerecht. Das gilt übrigens nicht nur für den Leistungssport, sondern auch für den Breitensport. Es geht darum, früh ein gesundes Verhältnis zu Druck, Fehlern und Erwartungen zu entwickeln.

Ist Mentaltraining im Profitennis heute selbstverständlich?

Es entwickelt sich stark in diese Richtung, aber es ist noch nicht ganz auf dem gleichen Niveau wie Technik oder Athletik. Ein Grund ist unter anderem, dass mentale Faktoren schwerer messbar sind.

Was können gerade Freizeitspieler aus Ihrem Buch mitnehmen?

Sehr viel. Die Prinzipien gelten nicht nur für Profis. Es geht darum, sich selbst besser kennenzulernen, die eigene Einstellung zu reflektieren und einen guten Umgang mit Fehlern und Misserfolgen zu entwickeln. Wer lernt, sich nicht permanent unter Druck zu setzen, sondern mit Freude und Klarheit zu spielen, wird automatisch besser und hat vor allem mehr Spaß auf dem Platz.

Und lassen sich diese Prinzipien auch auf andere Lebensbereiche übertragen?

Absolut. Ob im Beruf, in der Schule oder im Alltag, es geht immer um ähnliche Themen: Motivation, Umgang mit Druck, Selbststeuerung. Menschen funktionieren unterschiedlich. Wer das versteht, bei sich selbst und bei anderen, hat einen enormen Vorteil.

Zum Abschluss: Was ist die wichtigste Botschaft Ihres Buches?

Bleib bei dir selbst. Die erfolgreichsten Spieler sind nicht die, die einem Idealbild entsprechen wollen, sondern die, die ihre eigene Persönlichkeit optimal nutzen. Und genau das kann jeder lernen.

 

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