Das Ziel deiner Arbeit ist es, jungen Spielern bestimmte Werte und Tugenden zu vermitteln. Wie funktioniert das?
Da gibt es unterschiedliche Philosophien, aber was klar ist: Es muss bewusst darauf geachtet werden, denn Charakterentwicklung ist selten ein Zufallsprodukt. Beim BVB wollen wir die Spieler aus ihrem gewohnten Umfeld holen. Dazu veranstalten wir Workshops zu verschiedenen Tugenden und haben jeden Monat unterschiedliche Projekte. Mit unserer U19-Mannschaft waren wir zum Thema Empathie und Menschlichkeit auch schon ein paar Mal im Gefängnis, wo wir dann mit Straftätern gesprochen haben.
Warum ist die regelmäßige Auseinandersetzung mit dem Charakter dabei so wichtig?
Charakter ist Gewohnheit, wie eine Art Muskel. Dabei durchläuft man mehrere Phasen des Lernens, oft eingeteilt in: Die unbewusste Inkompetenz, die bewusste Inkompetenz, die bewusste Kompetenz und die unbewusste Kompetenz. Letzteres ist immer das Ziel, weil Verhalten dann zur Gewohnheit wird. Auch wenn das ein wenig vereinfacht ausgedrückt ist, verdeutlicht es den Prozess, der beim Lernen stattfindet.
Im Tennis wird die junge Generation oft kritisiert. Ihr wird vorgeworfen, zu viel Zeit am Handy zu verbringen und zu wenig zu trainieren. Was hältst du von solcher Kritik?
Eher wenig. Im Englischen spricht man häufig vom sogenannten „Generational Divide“, also der Kluft zwischen den Generationen. Fakt ist: Jede Generation steht vor ihren eigenen Herausforderungen und sucht nach individuellen Wegen, mit diesen umzugehen. Natürlich können junge Menschen viel von den Erfahrungen älterer Generationen lernen.
Ein solches Statement führt jedoch häufig eher dazu, dass sich junge Menschen zurückziehen, anstatt aktiv nach Hilfe oder Rat zu fragen. Letztlich kommt es auf die Intention und die Art der Ansprache an: Begegne ich meinem Gegenüber mit Neugier und echtem Interesse oder mit einer wertenden Haltung?
Warum gibt es trotzdem diesen Blick auf die Dinge?
Weil wir Menschen es lieben, Dinge schwarz und weiß zu betrachten. Den Clinch zwischen Konservativem und Progressivem gibt es in allen Lebensbereichen – auch im Sport. Aber statt Gegeneinander müsste es vielmehr ein Miteinander geben.
Es gibt bewährte Methoden, die seit 100 Jahren funktionieren und an denen auch künftig kein Weg vorbeiführen wird. Gleichzeitig gibt es neue Ansätze, die man ausprobieren sollte. Es geht mir darum, eine Balance zu finden – und das gelingt nur im Dialog.
Wie wichtig sind Trainer:innen bei der Charakterbildung der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen?
Im Grunde ist jede erwachsene Person ein Vorbild. Trainer und Trainerinnen haben zudem einen Riesenvorteil gegenüber anderer Person: Kinder kommen gerne zu ihnen. Das heißt, sie haben automatisch einen anderen Zugang. Das ist ein Privileg und zugleich eine Verpflichtung. Deshalb sollte das Thema Charakter viel stärker in Trainerfortbildungen behandelt werden. Umso mehr freue ich mich, das Leadership-Modell beim Kongress vorstellen zu können.
Freude ist ein gutes Stichwort: Worauf freust du dich beim Internationalen DTB Tenniskongress presented by HEAD außerdem?
Ich hoffe, dass mein Vortrag ein Impuls für die Anwesenden sein kann, um das Thema Charakter etwas mehr in ihren Trainingsalltag zu integrieren. Und dann freue ich mich auf hoffentlich viele Gespräche und Getränke im Anschluss.