Tim, du hältst im Januar beim Internationalen DTB Tenniskongress presented by HEAD eine Keynote zum Umgang mit der neuen Generation. Du kommst aber eigentlich aus dem Fußball. Daher direkt die naheliegende Frage: Wann standest du zuletzt auf einem Tennis- oder Padelplatz?

Ich spiele häufiger Pickleball, manchmal auch Padel. Das macht mir Spaß, weil ich den Wettkampf liebe. In der Schulzeit habe ich mit einem guten Freund, der damals Dortmunder Stadtmeister war, Tennis gespielt. Er war natürlich viel besser als ich und musste deswegen immer mit der schwachen Hand spielen.

Dann ist der ITK der perfekte Ort für dich. Von den Trainerinnen und Trainern bekommst du sicherlich den einen oder anderen Tipp, um dein Spiel zu verbessern. Der Grund für deinen Besuch ist aber ein anderer.

Genau, ich werde einen Vortrag zur Charakterbildung junger Sportler halten. Dabei werde ich ein Modell vorstellen, das die Fragen klärt: „Was ist ein starker Charakter?“, „Wie entwickle ich einen Charakter?“ und „Warum sollte ich mich mit der Charakterbildung meiner Athleten auseinandersetzen?“.

Woher kommt deine Expertise in diesem Bereich?

Ich war Nachwuchsspieler bis zur U23 beim BVB, College-Athlet, dann Profi bei Toronto FC und später Co-Trainer an der University of North Carolina. Danach habe ich drei Jahre beim FC Chelsea promoviert. Dadurch habe ich eine einzigartige Perspektive. In den USA gibt es schon seit 20 Jahren Leadership-Programme, die auf Charakterentwicklung abzielen. Bei Chelsea habe ich ein ähnliches Modell entwickelt, das versucht die soziale Entwicklung mit der Elite-Fußballförderung zu koppeln. Das versuche ich jetzt im deutschen Profisport zu etablieren.

Jetzt bist du NLZ-Koordinator für Kultur und Entwicklung bei Borussia Dortmund. Was genau bedeutet das?

Ich bezeichne mich immer als Charakter-Coach. Also anstelle von Taktik und Technik, ist mein Ziel die Person zu coachen. Ich spreche viel mit den einzelnen Spielern, mit unseren Coaches, aber auch mit den Eltern, die bis zu einem gewissen Alter noch die wichtigsten Stakeholder sind.

Das beinhaltet nicht nur Gespräche von Angesicht zu Angesicht. Es bedeutet auch, dass ich als Torwart im Training dabei bin, oder beispielsweise Rallyes organisiere, bei denen die Jungs gemeinsam einen Schatz finden müssen. Über nahezu jede Situation lassen sich Werte vermitteln, wenn wir sie bewusst als Chance zur Persönlichkeitsentwicklung begreifen. Am Ende des Tages brauchen die Spieler Vorbilder, die auf Augenhöhe mit ihnen interagieren und ihre Sprache sprechen.

Warum ist die Charakterbildung von angehenden Profisportlerinnen und -Sportlern wichtig?

Weil sie aus meiner Sicht der größte Performance-Hebel ist, der im Sport liegen gelassen wird. Spitzensportler sind athletisch, taktisch und technisch nahe an ihrem Maximum. Der Charakter ist daher ausschlaggebend dafür, wie weit es ein Athlet schafft und wie lange er sich dort halten kann. Außerdem ist es als Gesellschaft doch wünschenswert, Personen mit einem starken Charakter auszubilden. Da sehe ich eine gewisse Fürsorgepflicht bei Trainerinnen und Trainern.

„Zum Thema Empathie und Menschlichkeit waren wir auch schon Mal im Gefängnis.“

Das Ziel deiner Arbeit ist es, jungen Spielern bestimmte Werte und Tugenden zu vermitteln. Wie funktioniert das?

Da gibt es unterschiedliche Philosophien, aber was klar ist: Es muss bewusst darauf geachtet werden, denn Charakterentwicklung ist selten ein Zufallsprodukt. Beim BVB wollen wir die Spieler aus ihrem gewohnten Umfeld holen. Dazu veranstalten wir Workshops zu verschiedenen Tugenden und haben jeden Monat unterschiedliche Projekte. Mit unserer U19-Mannschaft waren wir zum Thema Empathie und Menschlichkeit auch schon ein paar Mal im Gefängnis, wo wir dann mit Straftätern gesprochen haben.

Warum ist die regelmäßige Auseinandersetzung mit dem Charakter dabei so wichtig?

Charakter ist Gewohnheit, wie eine Art Muskel. Dabei durchläuft man mehrere Phasen des Lernens, oft eingeteilt in: Die unbewusste Inkompetenz, die bewusste Inkompetenz, die bewusste Kompetenz und die unbewusste Kompetenz. Letzteres ist immer das Ziel, weil Verhalten dann zur Gewohnheit wird. Auch wenn das ein wenig vereinfacht ausgedrückt ist, verdeutlicht es den Prozess, der beim Lernen stattfindet.

Im Tennis wird die junge Generation oft kritisiert. Ihr wird vorgeworfen, zu viel Zeit am Handy zu verbringen und zu wenig zu trainieren. Was hältst du von solcher Kritik?

Eher wenig. Im Englischen spricht man häufig vom sogenannten „Generational Divide“, also der Kluft zwischen den Generationen. Fakt ist: Jede Generation steht vor ihren eigenen Herausforderungen und sucht nach individuellen Wegen, mit diesen umzugehen. Natürlich können junge Menschen viel von den Erfahrungen älterer Generationen lernen.

Ein solches Statement führt jedoch häufig eher dazu, dass sich junge Menschen zurückziehen, anstatt aktiv nach Hilfe oder Rat zu fragen. Letztlich kommt es auf die Intention und die Art der Ansprache an: Begegne ich meinem Gegenüber mit Neugier und echtem Interesse oder mit einer wertenden Haltung?

Warum gibt es trotzdem diesen Blick auf die Dinge?

Weil wir Menschen es lieben, Dinge schwarz und weiß zu betrachten. Den Clinch zwischen Konservativem und Progressivem gibt es in allen Lebensbereichen – auch im Sport. Aber statt Gegeneinander müsste es vielmehr ein Miteinander geben.

Es gibt bewährte Methoden, die seit 100 Jahren funktionieren und an denen auch künftig kein Weg vorbeiführen wird. Gleichzeitig gibt es neue Ansätze, die man ausprobieren sollte. Es geht mir darum, eine Balance zu finden – und das gelingt nur im Dialog.

Wie wichtig sind Trainer:innen bei der Charakterbildung der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen?

Im Grunde ist jede erwachsene Person ein Vorbild. Trainer und Trainerinnen haben zudem einen Riesenvorteil gegenüber anderer Person: Kinder kommen gerne zu ihnen. Das heißt, sie haben automatisch einen anderen Zugang. Das ist ein Privileg und zugleich eine Verpflichtung. Deshalb sollte das Thema Charakter viel stärker in Trainerfortbildungen behandelt werden. Umso mehr freue ich mich, das Leadership-Modell beim Kongress vorstellen zu können.

Freude ist ein gutes Stichwort: Worauf freust du dich beim Internationalen DTB Tenniskongress presented by HEAD außerdem?

Ich hoffe, dass mein Vortrag ein Impuls für die Anwesenden sein kann, um das Thema Charakter etwas mehr in ihren Trainingsalltag zu integrieren. Und dann freue ich mich auf hoffentlich viele Gespräche und Getränke im Anschluss.

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